Als schwuler Fan zur WM nach Russland?

Foto: REUTERS

 

Homosexuelle werden in Russland durch Gesetze diskriminiert, Homophobie ist weit verbreitet. Frage also: Sollten Fans, die LGBT sind, die Fußball-WM besser meiden? Sechs Moskauer, alle selbst schwul oder lesbisch, antworten.

Neulich hat mich jemand gefragt, ob ich einem schwulen Fußballfan raten würde, im Sommer zur Weltmeisterschaft nach Russland zu kommen. Irgendeine Antwort ist mir zwar eingefallen, besonders erhellend war sie aber nicht. Ja, Homophobie ist hier verbreitet. Nein, das heißt nicht automatisch, dass es Probleme geben wird.

Gut, dass es Leute gibt, die da kompetenter sind als ich. Schwule und lesbische Freunde und Bekannte hier aus Moskau haben sich bereit erklärt, die Frage zu beantworten: “Würdest du einem Fan, der LGBT ist, zu eine Russlandreise während der WM raten?” Dass es von vornherein klar war, dass keiner von ihnen seinen Namen neben dem Zitat veröffentlicht sehen möchte, spricht für sich. Die Namen, die ihr neben ihrer Einschätzung lest, sind also Pseudonyme. Sie sollen nur zeigen, ob hier ein Mann spricht oder eine Frau, ein Russe oder ein Ausländer.

Patrick, 25 Jahre alt: “Also wenn du dich für Fußball interessierst, oder einfach einmal im Leben Moskau sehen willst, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Die Stadt wird voll sein mit Leuten aus allen Ländern, und in Moskau neigen die Leute dazu, sich eher nicht einzumischen. Ich glaube also, dass man hier ziemlich sicher sein wird. Andererseits: Manches kann man in Russland als schwuler Mann mit seinem Partner nicht tun – sich in der Öffentlichkeit an den Händen halten zum Beispiel, oder sonstwie Zuneigung zeigen. Auch wie du dich kleidest oder stylst, kann für negative Aufmerksamkeit sorgen, darauf würde ich beim Kofferpacken achten. Wenn dich das alles zu sehr abschreckt oder dazu führt, dass du dich unsicher fühlst, dann lass es vielleicht lieber mit der Reise, ehe du dir ständig Sorgen machst. Aber ich glaube, wenn man auf ein paar Dinge achtet, geht alles glatt.”

Viktor, 50: “Russland ist sicher, das Problem (der Diskriminierung von Schwulen und Lesben) wird übertrieben. Ich bin beruflich viel auf Reisen, und mein Eindruck ist sogar, dass Moskau und andere russische Städte sicherer sind als manche deutsche oder andere europäische Städte. Geh’ nicht in dunkle Ecken, provoziere niemanden und alles wird glattgehen. Ich bin mir auch sicher, dass die Polizei ihren Job machen und Vorfälle verhindern wird – vor allem, wenn es um Ausländer geht. Meine Erfahrungen mit der russischen Polizei waren immer positiv, ungeachtet meiner sexuellen Orientierung.”

Ivan, 26: “Für mich ist die Antwort ein klares Ja! Bei der WM geht es darum, internationale Beziehungen zu festigen. Manche Mythen über Russland werden dabei zerstört werden, andere sich bestätigen. Ich bin mir sicher, das wird ein Ereignis, an das man sich sein Leben lang erinnern wird. Wenn wir über Sicherheit in Bezug auf Mitglieder der LGBT-Community reden, ist es bedauerlicherweise aktuell so, dass die russische Gesellschaft viel zu konservativ ist. Niemand wird jemanden dafür töten, dass er schwul ist, die Zeiten sind lange vorbei. Aber wenn sich jemand nicht an die ungeschriebenen Regeln auf russischem Boden hält, dann kann das zumindest zu verbalen Auseinandersetzungen führen. Dazu gehört, dass es als unangemessen gilt, wenn LGBT-Paare sich öffentlich umarmen oder küssen.

Generell tut man sich keinen Gefallen, demonstrativ zu zeigen: Ich bin anders als ihr und stolz darauf. Das kann zu Konflikten mit dem schwulenfeindlichen Teil der Bevölkerung führen. Ich rechne damit, dass sich das in der kommenden Generation ändern wird. Ansonsten ist Russland ein sehr gastfreundliches Land, wir Russen lieben Ausländer und haben echtes Interesse an ihnen. In großen Städten gibt es durchaus Cafés, Bars und Clubs, die sich an Schwule und Lesben wenden. Dort kannst du deine Freizeit genießen, während du auf das nächste Spiel wartest, gleichgesinnte Menschen treffen und gemeinsam eine gute Zeit haben. Ach so, ein Hinweis noch: Immer nur mit echten, lizenzierten Taxis fahren und nicht einfach an der Straße ein Auto rauswinken. Das gilt eigentlich für alle WM-Besucher, aber wenn du LGBT bist, solltest du da erst recht drauf achten.”

Alina, 36: “Glücklicherweise haben meine Frau und ich noch keine sehr gefährlichen Situationen erlebt. Wobei ich schon sagen muss: Einmal, als wir recht frisch zusammen waren, sind wir mit ein paar Freunden tanzen gegangen. Da hatten die Security-Leute wohl irgendwann das Gefühl, dass wir zwei enger miteinander tanzen, als das zwei heterosexuelle Frauen tun würden. Und dann war sie plötzlich weg, ich hatte sie aus den Augen verloren – weil die Sicherheitstypen sie langsam aber sicher zum Ausgang geschoben haben. Dementsprechend würde ich zwar nicht sagen, dass es hier extrem gefährlich ist. Aber ich fürchte, wenn (wie oft bei Großveranstaltungen) Alkohol im Spiel ist, kann das unberechenbar sein, und ich glaube nicht, dass Fans, die LGBT sind, wirklich Hilfe von der Polizei bekommen. Ich muss auch sagen, dass es für Frauen anders ist als für Männer. Männer sollten unbedingt vorsichtig damit sein, ihre Zuneigung zu ihrem Partner öffentlich zu zeigen. Wenn zwei Frauen das tun, sorgt es höchstens für Aufmerksamkeit, bei zwei Männern können die Reaktionen aggressiv sein.”

Matthew, 28: “Eins vorneweg: Russland ist kein LGBT-freundliches Land. Aber bei der WM geht es darum, Fußballfans zusammenzubringen, und ich würde auch denjenigen Fans, die LGBT sind, raten, hierher zu kommen. Sie können erleben, was das Land zu bieten hat und die Weltmeisterschaft so genießen, wie sie gedacht ist: Als eine Feier des Fußballs, der weltweiten Liebe zu diesem Sport und der freundlichen Rivalität zwischen den Teilnehmerländern. Allerdings sollten LGBT-Fans vorsichtig sein und sich darüber im Klaren sein, dass sie bei einigen Verhaltensweisen hier mit negativen Reaktionen rechnen müssen: wenn sich gleichgeschlechtliche Paare zum Beispiel in der Öffentlichkeit küssen oder Händchen halten. Aber ich denke, nur weil man LGBT ist – oder zu irgendeiner anderen gesellschaftlichen Gruppe gehört – sollte man sich nicht davon abhalten lassen, die WM zu genießen. Ich hoffe sehr, dass wir eine respektvolle Atmosphäre erleben und es keine Vorfälle gibt.”

Sergey, 38: “Tatsächlich habe ich in dieser Hinsicht in Moskau nie Diskriminierung erlebt. Dabei ahnt fast mein gesamtes Umfeld, wo meine Präferenzen liegen. Aber ich spreche darüber nicht offen. Nur mit engen Freunden. Ansonsten muss man auf jeden Fall sagen: Wenn du ins Stadion gehst oder in eine Sportsbar, dann achte darauf, dich nicht zu extravagant zu stylen – keine pinken Haare, nicht anziehen wie eine Drag Queen. Das kann böse enden.”

Source :

n-tv.de

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