ARD-Zweiteiler über Aenne Burda “Meine Frau arbeitet nicht!”

EIN EHEKRIEG, DER SICH GEWASCHEN HAT: KATHARINA WACKERNAGEL SPIELT DEUTSCHLANDS ERFOLGREICHSTE VERLEGERIN, DIE SICH IN DEN FÜNFZIGERN IHREN AUFSTIEG ERKÄMPFT. BRISANTER STOFF - ABER BETULICH INSZENIERT.

Foto: SWR/ Hardy Brackmann

 

Sie kostet ihren Sieg aus, und die Kamera mit ihr: Aenne Burda, von Katharina Wackernagel mit markant vorgeschobenem Unterkiefer, glühenden dunklen Augen und signalroten Lippen gespielt, wirft die Mätresse ihres Mannes aus dem Verlag, an dessen Spitze sie nach langem Kampf endlich selbst steht.

Sieht zu, wie ihre Gegnerin nach Worten ringt; wie sich das Eingeständnis der Niederlage in ihrem Gesicht abzeichnet; wie sie zur Garderobe schleicht, ihren Mantel nimmt und den Weg nach draußen antritt, ins Abseits. Es ist eine lange Szene eiskalter Rücksichtslosigkeit, mit der in dem ARD-Zweiteiler “Aenne Burda” der Aufstieg der erfolgreichsten deutschen Verlegerin beginnt.

Eine Frau rächt sich hier an einer anderen Frau für die Demütigungen, die sie durch ihren Mann ertragen muss. Aber auch gegen ihn nimmt sie den Kampf auf. Der mit offenem Visier geführte Ehekrieg zwischen Aenne und Franz Burda verleihen diesem Fernsehfilm die elektrisierenden Momente, die sich gegen die arg betuliche Bildsprache und Dramaturgie durchsetzen.

Anna will sich nicht abfinden mit den Verhältnissen

“Aenne Burda” erzählt die Emanzipationsgeschichte einer Kämpferin, die mit der späteren politisierten Emanzipationsbewegung nichts anfangen konnte. Aber Ende der Vierzigerjahre entdeckt die Frau, die damals noch Anna heißt, dass ihr Mann, der erfolgreiche Verleger und Drucker Franz Burda (Fritz Karl), seit Jahren schon ein Verhältnis mit seiner ehemaligen Sekretärin unterhält, mit der er sogar ein gemeinsames Kind hat. Noch schlimmer: Diese Frau führt einen von Burda finanzierten Verlag, mit dem sie eine Modezeitschrift herausgibt – eine Idee, mit der Anna selbst seit Jahren schon ihren Mann bekniet.

Der schreit ihr entgegen: “Du bist meine Frau – und meine Frau arbeitet nicht!” Das Verhältnis aufgeben will er auch nicht, er kann nichts Schlimmes daran finden. Immerhin hat Anna doch alles und viel mehr als die meisten Frauen der Zeit. Anna aber findet sich nicht damit ab, wie die anderen Hausdamen aus den gehobenen Häusern im rückständigen Offenburg, die, wenn es mal wieder besonders schlimm ist mit den außerehelichen Umtrieben ihrer Männer, nachmittags eben ein Gläschen Sherry mehr heben als üblich.

Erst schreit sie zurück. Dann erpresst sie Franz: Entweder, sie bekommt den Verlag – oder sie lässt sich scheiden. Der willigt schließlich ein, sichtlich ausgelaugt von dem unerwarteten Widerstand und der Durchsetzungskraft seiner Frau. Einen letzten vergifteten Pfeil zieht er aus dem Köcher: Der Verlag ist mit 200.000 Mark verschuldet, ein Vertrag verpflichtet Anna dazu, für die Schulden geradezustehen – noch bevor ein einziges Heft verkauft ist. Sie unterschreibt trotzdem.

Fortan nennt Anna sich Aenne, nach ihrem Lieblingslied “Ännchen von Tharau”, und wird zur “Königin der Kleider”. Ihr Magazin “Burda Moden” mit der bahnbrechenden Idee der Schnittmusterbögen steigt zur weltweit größten Modezeitschrift auf. Eine Frau erfindet sich neu und schreibt Wirtschafts- und Mediengeschichte.

Das ist keine Kleinigkeit für die damaligen Verhältnisse, in denen Frauen kein eigenes Konto hatten und für ein Reisevisum die Unterschrift ihres Gatten benötigten. Merkwürdig mutet es schon an, wie geradezu backfischhaft und konventionell der Fernsehfilm “Aenne Burda” von diesem radikalen Bruch mit Wertvorstellungen und Konventionen erzählt. Das durch und durch künstliche Szenenbild vermittelt den Eindruck, die Geschichte spiele in einem Freilichtmuseum der Fünfzigerjahre (Regie: Francis Meletzky).

Inszenierung auf “Traumschiff”-Niveau

Wirkliches Leben will sich so nicht einstellen. Wenn Aenne Burda nach Paris reist, um sich dort inspirieren zu lassen, muss zur Untermalung natürlich gleich ein Chansons dudelndes Akkordeon her, während in den Straßen jonglierende Gaukler mutmaßlich Weltläufigkeit und Eleganz symbolisieren sollen. In solchen Momenten sinkt die Inszenierung auf “Traumschiff”-Niveau.

Das Drehbuch von Regine Bielefeldt folgt zwar ebenfalls den Regeln der Fernsehdramaturgie und kommt ohne größere Überraschungen aus, ist aber in der Konzentration auf das zentrale Thema der Emanzipation ähnlich halsstarrig wie seine Heldin. Diese Diskrepanz aus betont harmloser Form und inhaltlicher Brisanz ist es, was “Aenne Burda” dann doch interessant macht.

Vor allem, weil der Film ehrlich zeigt, was für ein Kraftakt der Aufstieg für Aenne Burda auch ist. Während ihr Mann in der Rolle des jovialen, Waldhorn blasenden und Volkslieder singenden Patriarchen bleibt, der gut für seine Angestellten sorgt, muss sie sich durchbeißen, die Ellenbogen ausfahren, Härte zeigen. Für den Erfolg betreibt sie Raubbau an ihrer Seele – ein Motiv, das der Film stark herausarbeitet.

Zur Revolution ruft Aenne Burda mit ihrer Energie nun wirklich nicht auf, im Gegenteil: Sie kleidet Frauen so ein, dass sie ihre Rolle innerhalb der patriarchalen Welt möglichst attraktiv ausfüllen. Dennoch: In einer Szene lässt sie ihre Mitarbeiterinnen neue Konfektionsgrößen erstellen. Sie vermisst den weiblichen Körper neu, auch auf einer symbolischen Ebene. Keine Revolution. Aber doch ein wichtiger Schritt.

Source :

Spiegel

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