Dortmunder Last-minute-Sieg “Heute war alles dabei”

SPANNUNG BIS ZUR LETZTEN SEKUNDE: DER ERFOLG DES BVB GEGEN AUGSBURG HAT DIE VERANTWORTLICHEN REICHLICH NERVEN GEKOSTET. TRAINER FAVRE SPRACH VON EINEM "FANTASTISCHEN SPIEL" - KRITISIERTE SEIN TEAM ABER DENNOCH.

Foto: AP

 

Lucien Favre klopfte auf sein Herz, schnaufte durch, lächelte und sagte: “180.” Das war auch für den sonst so kühlen Fußballlehrer aus der Schweiz ein äußerst aufregender Nachmittag. Möglicherweise war der Pulsschlag des Trainers von Borussia Dortmund auch höher als 180, als Paco Alcácer in der sechsten Minute der Nachspielzeit mit einem direkt verwandelten Freistoß das 4:3 für den BVB in einem spektakulären Bundesligaspiel gegen den FC Augsburg erzielte.

“Ich war durchgeschwitzt, hatte Gänsehaut, habe mich zwischendurch geärgert. Heute war alles dabei”, sagte Dortmunds Lizenzspielerchef Sebastian Kehl. Sein Vorgesetzter Michael Zorc, der es als Spieler und Sportdirektor auf mehr 40 Jahre im Verein bringt, sagte sogar: “Ich habe das Stadion selten so kochen sehen wie ab der 90. Minute.”

Lucien Favre (l.) umarmt Paco Alcacér

Nachdem sich Favre ein bisschen beruhigt hatte, sprach er immer noch von einem “fantastischen Spiel” mit “so vielen Emotionen”. Er war aber auch schon wieder zu einer nüchternen Analyse fähig: “Wir müssen eine bessere Balance finden. In der Defensive haben wir noch viel zu tun.”

“In den Kübel kotzen”

So dachte an diesem Nachmittag aber nur der detailverliebte Trainer des BVB, der auch das zehnte Pflichtspiel ohne Niederlage überstand. Die glückseligen Fans der Borussia sangen wieder von der Meisterschaft, wie schon in der vergangenen Saison, als die Dortmunder nach dem siebten Spieltag sogar fünf Punkte Vorsprung auf den zweitplatzierten FC Bayern hatten und dann abstürzten.

Solche Erinnerungen werden aber erst kommen, wenn der Rausch des Sieges in der Länderspielpause verflogen ist, die Zorc gelegen kommt: “Es ist gut, dass wir alle mal ein bisschen Abstand gewinnen.” Augsburgs Michael Gregoritsch beschrieb das Spiel als Achterbahnfahrt, an dessen Ende er einfach nur “in den Kübel kotzen” wollte. Zwei Mal war Augsburg in Führung gegangen, hatte dann zum 3:3 ausgeglichen, um durch die letzte Aktion des Spiels doch noch zu verlieren.

“Wir haben alle gehofft, dass er den rein macht, und dann macht er ihn rein. Sensationell”, sagte Marco Reus über den Treffer von Paco Alcácer. Der Freistoß war der Glanzpunkt seines recht kurzen Auftritts, der vom FC Barcelona ausgeliehene Mittelstürmer war erst nach einer Stunde eingewechselt worden. “Er hat am Mittwoch in der Champions League gegen Monaco über 90 Minuten gespielt, zum ersten Mal wieder in den vergangenen drei Jahren”, sagte Favre, der stattdessen Maximilian Philipp im Angriff aufgestellt hatte.

Alcácer “spürt den Fußball”

Der ehemalige Freiburger hat in mehr als sieben Stunden Bundesliga in dieser Saison noch keine Tore geschossen. Alcácer brauchte für seine nun sechs Treffer zusammengerechnet kein komplettes Spiel. “Unfassbar”, sagte er über seine drei Tore gegen Augsburg. Wichtiger sei ihm jedoch der Erfolg der Mannschaft. Außerdem wolle er jetzt schnell nach Hause zu seiner Tochter, um noch ein bisschen Zeit mit ihr zu verbringen, bevor er nach mehr als zwei Jahren Pause wieder zur spanischen Nationalmannschaft stößt.

“Er spürt den Fußball”, sagte Favre über die Gabe Alcácers, in den Raum zu laufen, in dem ihn die Mitspieler finden und er dann zum Abschluss kommt. In sieben der zehn Pflichtspiele unter dem Schweizer Trainer schoss der BVB keinen Treffer vor der Pause. Auch gegen Augsburg wurden alle Tore in der zweiten Hälfte erzielt, wie schon eine Woche zuvor beim 4:2-Sieg in Leverkusen.

Nur sechs der 29 Tore unter Favre schossen die Dortmunder in den ersten 45 Minuten. Ebenfalls bemerkenswert: der Einfluss der Einwechselspieler. Acht Tore und acht Vorlagen standen für die “Joker” vor der Partie zu Buche, gegen Augsburg kamen eine Vorlage durch Raphaël Guerreiro, drei Tore durch Alcácer und ein Tor durch Mario Götze dazu.

Götze-Trikot für Götze

Jener Mario Götze, für den Favre häufig nicht einmal einen Platz im Kader hatte. Nun durfte er sogar mal wieder spielen, erstmals in dieser Bundesligasaison. Götze wurde in der 77. Minute eingewechselt, sieben Minuten später traf er zum 3:2. Die Fans des BVB tobten, die größte Geschichte des Spiels schien geschrieben. Sie wurde dann ein bisschen kleiner.

Mario Götze (l.) jubelt mit Marco Reus

Im Trikot des Gegners stapfte Mario Götze die Treppen zur Kabine hoch, auf dem Rücken prangte sein Nachname. Es war das Trikot seines Bruders Felix, der bei den Augsburgern eingewechselt worden war. So wie zwei Spieltage zuvor in der Partie beim FC Bayern, als ihm sein erstes Bundesligator zum 1:1-Endstand gelungen war.

Felix habe dem sechs Jahre älteren Bruder, dem Weltmeister, den Rang abgelaufen, hieß es in einigen Berichten. Mario Götze zeigte nun nach dem Spiel auf das Trikot seines Bruders und sagte: “Das ist der wahre Götze.”

Borussia Dortmund – FC Augsburg 4:3 (0:1)
0:1 Finnbogason (22.)
1:1 Paco Alcacer (62.)
1:2 Max (71.)
2:2 Paco Alcacer (80.)
3:2 Mario Götze (84.)
3:3 Gregoritsch (87.)
4:3 Paco Alcacer (90.+6)
Dortmund: Bürki – Hakimi, Akanji, Zagadou, Diallo – Weigl (77. Mario Götze), Witsel – Sancho, Bruun Larsen (69. Guerreiro) – Reus, Philipp (59. Paco Alcácer)
Augsburg: Luthe – Framberger, Gouweleeuw, Hinteregger, Max – Khedira, Baier (64. Felix Götze) – Hahn (75. Moravek), Caiuby – Gregoritsch, Finnbogason (83. Cordova)
Schiedsrichter: Markus Schmidt
Zuschauer: 81.365 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Reus – Baier, Hahn, Khedira, Gouweleeuw, Caiuby, Finnbogason, Cordova

Source :

spiegel

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