Fußball-Deutschland rätselt – Löw frohlockt

Foto: imago/Sebastian Wells

 

Verzockt und trotzdem gewonnen: Wie die DFB-Experimentalelf im Klassiker gegen Brasilien verliert, ernüchtert zwar. Bundestrainer Löw bringt die Pleite trotzdem wertvolle WM-Erkenntnisse – und sogar Grund für Optimismus.

1. Der Bundestrainer bleibt cool

Nicht erst seit der Niederlage gegen jetzt nicht um Längen bessere Brasilianer im mit 72.717 Zuschauern ausverkauften Berliner Olympiastadion scheint Joachim Löw Gefallen daran gefunden zu haben, sich als der gelassenste Bundestrainer aller Zeiten zu inszenieren. Oder ist er es gar? Jedenfalls sagte er am späten Dienstagabend: “Mir bereitet eigentlich kaum was große Sorgen. Ich weiß, wozu die Mannschaft fähig ist. Ich weiß, was wir können.”

Und als sei das nicht deutlich genug gewesen, fügte er an: “Sie können sich sicher sein, dass wir uns steigern.” Hier spricht der Weltmeister. Ob ihm bewusst ist, dass das bisweilen doch ein wenig selbstgefällig klingt? Oder ist ihm auch das egal? Sagen wir es so: Gewinnt Löw mit der deutschen Nationalmannschaft im Sommer in Russland nach 2014 in Brasilien zum zweiten Mal den wichtigsten Titel im Weltfußball, wird sich kaum jemand finden, der das dann noch kritisiert. Und doch klang es arg gönnerhaft, wie der Bundestrainer den in Bestbesetzung angetretenen Gästen eingedenk des 1:7-Debakels im legendären WM-Halbfinale nun beschied: “Wenn die brasilianische Seele jetzt so ein bisschen ihren Frieden findet, dann ist das okay.” Er jedenfalls gerate nicht aus der Fassung, nur weil er ein Spiel verloren habe.

2. Test bleibt Test – oder?

Beim gerade in der ersten Halbzeit furiosen 1:1 gegen die Passfetischisten aus Spanien am vergangenen Freitag in Düsseldorf durfte die DFB-Elf mit sich und der Welt noch zufrieden sein. Dann aber baute der Bundestrainer seine Startelf gegen Brasilien gleich auf sieben Positionen um und verzockte sich damit. Was Brasilien irritierte und pikierte, ließ Fußball-Deutschland rätselnd zurück. Denn was um alles in der Welt wollte der Bundestrainer damit testen? Dass die Spieler, die im Kampf um einen Startelfplatz eher hinten dran sind, nicht ganz so gut zusammenspielen wie die, die eingespielt sind und sich ihrer Sache eher sicher sein können? Wäre es nicht viel sinnvoller gewesen, nur auf zwei Positionen etwas zu ändern? Zum Beispiel Ilkay Gündoğan für Sami Khedira auf der Doppelsechs neben dem unantastbaren Toni Kroos spielen zu lassen und den jungen Leroy Sané auf dem linken Flügel auszuprobieren und dafür Julian Draxler draußen zu lassen? Löw findet offenbar: nein. Er räumte aber ein: “Für einzelne Spieler ist es natürlich einfacher, wenn sie in ein eingespieltes Gefüge kommen.” Und schließlich sei es so: “Man wechselt bei einem Turnier ja nicht fünf oder sechs Positionen gleichzeitig.” Also bleibt es dabei: Ein Test ist ein Test ist ein Test. Den Rest sehen wir dann.

3. Warnungen sollten nicht verhallen

Nach dem wirklich guten Remis gegen Spanien war es Jérôme Boateng, der warnte, dass noch lange nicht alles bestens war. Und nun in Berlin übernahm Kroos die Rolle des Mahners: “Wir haben gesehen, dass wir nicht so gut sind, wie wir gemacht werden und wie es einige Spieler glauben.” Das war deutlich und beinhaltete auch eine klare Kritik an den Kollegen. Schade nur, dass er keine Namen nannte und auch auf durchaus angebrachte Selbstkritik verzichtete. Aber das hat auch niemand ernsthaft erwartet. Nur so viel: “Mannschaftlich überwiegt klar das Negative.” Auch der Bundestrainer knöpfte sich keine Akteure einzeln vor, zumindest nicht öffentlich. Sieht man einmal davon ab, dass er City-Jungstar Sané attestierte, vielleicht noch nicht so ganz mit dem Druck zurechtzukommen, der nun einmal auf einem Nationalspieler laste. Aber auch Löw wurde direkt nach der Niederlage gegen Brasilien bei aller demonstrativen Gelassenheit durchaus deutlich: “Wie sind nicht so ins Spiel reingekommen, wie wir uns das vorgestellt hatten.” Geplant sei nämlich gewesen, den Gegner von Anpfiff weg möglichst in der eigenen Hälfte schon unter Druck zu setzen und ihn so zu Fehlern zu zwingen. Das habe aber schlichtweg nicht funktioniert. “Von daher ist unser Spiel nicht so rund gelaufen.” Vielmehr sei es so gewesen, dass seinem Team zu viele Fehler unterlaufen seien. “Dadurch haben wir den Gegner noch selbstbewusster gemacht.” Interessant auch, was Löw zudem bemängelte: Die Körpersprache einiger seiner Schützlinge habe nicht gestimmt. Das klingt nicht so, als gestatte hier jemand seinen Spielern, sich nicht anzustrengen.

4. Die anderen können auch was, aber …

Was man im DFB-Test gegen Spanien schon erahnen konnte, wurde am Dienstagabend Gewissheit, und zwar neben Berlin auch in Madrid: Die anderen Mitfavoriten auf den WM-Titel können auch was – und Argentinien darf man getrost von der Liste streichen. Das finden zumindest die Argentinier nach dem “Selbstmord” gegen Spanien, meldet Kollege Peters aus Buenos Aires. Wie Spanien nach der Teilzeit-Gala gegen Deutschland nun die Messi-losen Argentinier mit 6:1 demütigte, das hatte Stil und Klasse. Und es untermauerte den Eindruck: Nach den verkorksten Großturnieren 2014 und 2016 kickt Spanien wieder wie die Fußball-Großmacht, die von 2008 bis 2012 einen historischen Turniertriumph-Hattrick herauskombiniert hatte. Ebenfalls zu nennen: England, das unter Gareth Southgate auch beim 1:1 gegen Italien stabil wirkte wie seit Jahrzehnten nicht. Frankreich, das nach dem 2:3-Kollaps gegen Kolumbien mit einem 3:1 gegen den WM-Gastgeber immerhin schon einmal bewies, dass es in Russland Spiele gewinnen kann, sogar mit Superstar-Sorgenkind Paul Pogba. Restlos überzeugen konnten die Franzosen aber nicht, mannschaftlich hakt es weiter. Besser lief es für den ewigen Geheimfavoriten Belgien, der gegen WM-Zwerg Saudi-Arabien locker 4:0 gewann.

Und dann sind da natürlich die Brasilianer, denen Löw unter Nationalcoach Tite Verbesserungen in allen Mannschaftsteilen und vor allem eine zurückgewonnene defensive Stabilität attestierte. Beleg dafür war, dass Deutschland in Berlin lediglich einen Schuss aufs brasilianische Tor brachte, das ist mager. Trotzdem dürfte Löw insgeheim frohlockt haben. Warum? Weil seine Experimentalelf trotz der rätselhaften Großrotation gegen ein Brasilien fast in Bestbesetzung nur knapp verlor. Oder, um es mit Löw’scher Gelassenheit zu sagen: “Da mache ich mir keine Sorgen, nur weil wir 1:0 gegen Brasilien verloren haben.” Denn …

5. Die offenen Fragen werden weniger

… anders als beispielsweise Tite kann Löw personell nachlegen. Nicht nur einen 222-Millionen-Superstar names Neymar, der Brasilien im Moment nur mit einbeinigen Tänzen in goldenen Käfigen unterhält, sondern fast eine ganz Star(t)elf. So rätselhaft die Berlin-Aufstellung anmutete, so nett es von Löw war, mit Marvin Plattenhardt und Antonio Rüdiger zwei “Berliner” in die Startelf zu rotieren. Beantwortet hat er damit dann doch vor allem die Frage, wie die deutsche Startelf bei der WM aussehen wird: nämlich so wie gegen Spanien, idealerweise mit Weltmeister Manuel Neuer statt der neuen Nr. 2 Marc-André ter Stegen im Tor und vielleicht noch mit einem Bessermacher im Angriff (siehe Punkt 6). Davor ist die Abwehrreihe mit Joshua Kimmich, Jérôme Boateng, Mats Hummels und Jonas Hector gesetzt. Als Abwehr-Alternativen fahren Niklas Süle, der polyvalente Matthias Ginter und eben Rüdiger plus Plattenhardt mit. Im Mittelfeld bleibt Toni Kroos unersetzlich. Neben ihm hat Weltmeister Sami Khedira die besten Chancen, Löw mit Leon Goretzka, Ilkay Gündogan, Emre Can und Sebastian Rudy aber erstklassige Wechseloptionen. In der Offensivreihe spielt Thomas Müller rechts immer, dazu kommen Mesut Özil zentral und auf links Julian Draxler – falls Marco Reus nicht mitfährt. Als Joker gesetzt: Sané und Julian Brandt. Der Sturmstammplatz schließlich geht an, Trommelwirbel, Timo Werner. Ob Mario Gomez oder Sandro Wagner als WM-Backup bzw. Brechstange dabei sind, kann Löw ebenso auswürfeln wie die Position des dritten Torwarts. Oder n-tv.de für ihn.

6. Aber wo ist der Bessermacher?

Die wohl wichtigste Erkenntnis des WM-Doppeltests ist eigentlich keine Erkenntnis, sondern eine Bestätigung: Die, dass das Gerüst des DFB-Kaders steht und trägt, vielleicht sogar bis zum erneuten Titel. Es ist zwar noch einiges an Feinschliff nötig, aber es ist auch noch Zeit. Den Hobel muss Löw bis zum WM-Start nicht mehr ansetzen. Und weil das so ist, war Löw schon nach dem Spiel gegen Spanien erwartungsfroh gefragt worden: Könnte es vielleicht im WM-Kader 2018 noch eine Sensation vom Schlage eines David Odonkor geben, der 2006 überraschend zur WM gesprintet war? Es war Löw anzusehen, wie sehr ihm die Frage gefiel. Nicht, weil er tatsächlich einen WM-Joker im Ärmel zu haben scheint, der ist im Moment beim besten Willen nicht auszumachen. Sondern weil es Löw zu gefallen scheint, dass ihn auch nach zwölf Jahren im Amt noch immer die Aura des Geheimnisvollen umweht, ihm immer noch Überraschungen zugetraut werden.

Nüchtern betrachtet hält sich das Überraschungspotenzial für diese WM allerdings arg in Grenzen. Die Tür ist offiziell zwar für niemanden zu, von Philipp Max und Marcel Schmelzer mal abgesehen. Aber die nach den Triumphen in Confed Cup und U21-EM schier unüberschaubare Zahl an WM-Kandidaten hat sich doch arg reduziert. Ein höfliches Anklopfen wird nicht genügen, um noch mitfahren zu dürfen. Die WM-Tür muss von Aspiranten schon vehement aufgestoßen werden, und Stand jetzt ist das vor allem Marco Reus zuzutrauen. Der BVB-Star ist, was sein Teamkollege Mario Götze einmal war und vielleicht bis zur WM wieder wird: ein Spieler, der auch dieses DFB-Team noch bessermachen kann. Davon gibt es im Moment außerhalb des DFB-Kaders nicht viele, das räumte vor dem Brasilien-Spiel selbst DFB-Teammanager Oliver Bierhoff ein: “26 Spieler sind jetzt nominiert. Da kommen noch drei, vier Spieler dazu. Daraus wird sich der Kader ergeben.” Für Shkodran Mustafi, Benedikt Höwedes und André Schürrle ist das keine gute Nachricht.

Source :

n-tv.de

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