Im Schumi-Museum überkommt mich die Emotion der Erinnerung

Foto: Udo Gottschalk

 

Mitte Juni eröffnete die private Kollektion von Rennsportlegende Michael Schumacher in Köln, es ist eine Welt voller Erinnerungen. Vor dem Deutschland-Rennen der Formel 1 bin ich zurück in die Vergangenheit gerast – und nicht enttäuscht worden.

Es gehört Phantasie dazu, bei 30 Grad ins Museum zu pilgern und nicht an den Badesee. Aber gut, wenn sich drei Freunde einfinden, von denen zwei unter die Spezies Formel-1-Freak fallen und der verbliebene dritte auch Sportjournalist ist, müssen halt Opfer gebracht und Prioritäten gesetzt werden.

Köln in der Woche vor dem Großen Preis von Deutschland. Die Sonne knallt herab, meine Kumpanen und ich suchen den Schattenspender namens Motorworld Köln-Rheinland, gelegen am historischen Flughafen Butzweilerhof.

Der eine trägt Senna-Shirt und -Kappe, der andere glaubt an ermüdende Formel-1-Lexika, ich freue mich auf 1000 Quadratmeter Fläche zum Flanieren und Fachsimpeln: Weißt du noch, damals, die Boxenstrategie in Budapest 1998…?

Schumi-Welt in Köln: Möge das Kopfkino beginnen

Mitte Juni wurde die “private Kollektion” von Michael Schumacher eröffnet, die Devotionalien stammen aus dem Eigenbesitz des Rennsportidols. Streng genommen ist es gar kein Museum, eher eine Erlebniswelt, noch dazu in nächster Nähe zu Schumachers Heimatort Kerpen (gesprochen: “Kerrrpen”). Besser wird’s nicht.

“Hier atmet alles die Liebe zum Automobil”, sagt Schumacher-Managerin Sabine Kehm. Umringt von Glasfassaden und Büroräumen werden schicke Edelkarossen präsentiert, die nichts mit Formel 1 zu tun haben, aber so wirken, als hätten zu viele Menschen zu viel Geld. Vom Erdgeschoss bereits zu erspähen: die Schumi-Welt, Treppe hoch. Möge das Kopfkino beginnen.

Ich bin Jahrgang 1990, also unverdächtig, ein Schumacher-Fan der ersten Stunde zu sein. Es war die zweite oder dritte Stunde, als er im Ferrari zum Helden meiner Kindheit wurde. Ich habe ihn verlieren und gewinnen, abtreten und wiederkehren und wieder abtreten sehen. Als er 2012 in Monaco auf der schwierigsten Strecke mit einem mäßigen Auto zur Pole Position raste, standen mir Tränen in den Augen.

Schumachers Saison 2000 wird extra dargestellt

Die Emotion der Erinnerung. 17 Autos, 50 Trophäen, 25 Helme, insgesamt über 200 Exponate, zu denen etwa ein Mercedes-Sportwagen, ein Formel-3-Flitzer und ein knallroter Fiat 500 gehören – den bekam Schumacher mal von Ferrari geschenkt.

Die Stücke der Saison 2000 erhalten ihre eigene Insel, Rennoverall, Fahrzeug, der Siegerpokal von Suzuka, jeder Fan weiß ja, dass dieser 8. Oktober 2000 das wohl markanteste Datum in Schumachers Karriere ist: Endlich, im fünften Versuch, Weltmeister mit Ferrari. Noch immer ist Suzuka 2000 jenes Rennen, das ich am Öftesten auf YouTube geschaut habe, zumindest Schlusssequenzen und Feierszenen. Prompt fühle ich mich 18 Jahre jünger.

Es ist schwierig, Desinteressierten die Faszination Formel 1 zu erklären. 20 Autos fahren zwei Stunden lang im Kreis, und am Ende gewinnen die Deutschen (Mercedes oder Vettel). Wo bleibt da der Reiz? Tatsächlich beeindruckte mich der Mensch immer mehr als die Maschine, und dann war’s als Knirps nicht allzu schwer, auf Michael Schumacher zu stoßen.

Schumacher sitzt als unsichtbarer Pilot im Cockpit

Plötzlich ist die Vergangenheit (an)fassbar, ohne angefasst zu werden. Das Debüt im Jordan 1991, siebter Starplatz, dämliche Kupplung. Der Benetton 1994, Hill will innen vorbei, es kracht. Die Ferraris der 90er, epische Duelle mit Häkkinen. Der Ferrari 2001, Montoya düpiert den Meister in Sao Paolo. Der Ferrari 2002, Championat im Juli, vorher die Stallorder von Spielberg.

Ein Foto will ich mit dem 2004er Modell, weil es für mich der schönste Formel-1-Wagen ist, der jemals gebaut wurde. Ein klobiger Flügel an der Airbox lässt mich umschwenken, einige Meter weiter, zum Auto von 2003. Imola, der traurigste Sieg; Nürburgring, die Anschieber im Kiesbett; Suzuka, der stressigste achte Platz überhaupt. Bitte lächeln.

Alles Autos, die schon im Stand schnell erscheinen, dynamisch gestylt, ihre Kraft und Power unter einem grazilen Kleid versteckt. Brachiale Ästhetik mit Geschichten, die Geschichte wurden. Schumacher sitzt als unsichtbarer Pilot in jedem Cockpit.

Schumacher “hat es geliebt, Menschen eine Freude zu machen”

Besonders haben es mir übrigens die Rennhandschuhe angetan, Schmutz lugt von ihren Innenseiten. Ja, es sind profane Handschuhe, aber nochmal ja: Es sind Originale, und sie enthalten Spurenelemente von Legenden. Spa, Silverstone, Singapur. Inzwischen bräuchte es neue Helden und neue Handschuhe, Schumachers letzter Titel ist 14 Jahre her.

“Er hat es geliebt, den Menschen eine Freude zu machen”, sagt Kehm über den heute 49-Jährigen, dessen Ski-Unfall 2013 selbstredend nirgends gestreift wird. Es geht allein um diese Ausnahmekarriere, “er mochte immer, dass Leute glücklich sind”, sagt Kehm. Die Ausstellung darf als Dank der Schumacher-Familie verstanden werden, der Eintritt ist an sieben Tagen in der Woche frei, wie passend.

Zwei Stunden Schumi. Ein Genuss für die Sinne. Und abgesehen davon, bei 30 Grad ein Museum zu besuchen, um Handschuhe wie Heiligtümer zu zelebrieren, sind wir eigentlich recht normale Leute.

Source :

Focus Online

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