Jeder, der arbeitet, verkauft seinen Körper

"Prostitution, solange sie freiwillig passiert, ist ein Job. Nicht mehr und nicht weniger", sagt Ilan Stephani. ©Maria Sturm für ZEIT ONLINE

 

Nach dem ersten Mal, als ich Sex mit einem Freier hatte, schaute ich lange in den Spiegel. Ich dachte: Etwas müsste jetzt doch anders sein. Mein Gesichtsausdruck vielleicht oder etwas in meinem Blick. Aber alles war wie immer. Mein erster Kunde war sehr unauffällig gewesen. Um die 40, weder dick noch dünn, ich sah solche Männer jeden Tag Hunderte Male auf der Straße. Der Sex war okay. Dass dieser Sex Arbeit war, auch.

Ich bin nicht zur Prostitution gekommen, weil ich das Gefühl hatte, keine andere Wahl zu haben. Ich war 19, Studentin und brauchte einen Nebenjob. Ich dachte an Büroarbeit oder Kellnern, ging dann aber aus Neugier zu einem Informationsfrühstück der Prostituiertenorganisation Hydra. Eine der Prostituierten sagte zu mir: “Stell dir ein volles S-Bahn-Abteil vor. Denk an die Körper und die Gesichter der Männer. Könntest du dir vorstellen, mit jedem zweiten von ihnen Sex zu haben?” Ich konnte.

Keine Frage: Prostitution ist harte Arbeit, die einem emotional und körperlich extrem viel abverlangt und die für die wenigsten Frauen infrage kommt. Aber im Verhältnis zu den anderen Optionen, die ich als 19-Jährige hatte, war es für mich das Befreiendste, was ich tun konnte. Zumindest erschien es mir befreiender als eine Einser-Karriere an meiner männerdominierten Philosophie-Fakultät, wo ich nach den Regeln alter Herren spielen musste. Im Puff habe ich meine eigenen Regeln gemacht. Ich habe bestimmt, was ein Kunde darf und was nicht. Ich habe festgelegt wann, wie lange und mit wem ich arbeite. Und mit wem eben nicht.

Ich hatte das Glück, in einem sehr guten Puff aufgenommen worden zu sein, der von einer Frau betrieben wurde. Dort gab es keine Hierarchien. Niemand konnte mir Weisungen geben und die “Hausdamen”, die für alles Organisatorische zuständig waren, haben streng darauf geachtet, dass sich Männer an Regeln halten.

“Egal unter welchen Bedingungen Prostituierte arbeiten, im Edelbordell oder bei einem Zuhälter: Sie alle wären besser dran, wenn der Sexarbeit nicht so ein großes Stigma anhaften würde.”

Von solchen Arbeitsbedingungen können viele Sexarbeiterinnen nur träumen. Niemand weiß genau, wie viele Frauen sich in Deutschland prostituieren – und wie viele von ihnen es unter Zwang tun. Es ist fast unmöglich, zuverlässige Zahlen zu diesem Thema zu bekommen. Schätzungen gehen davon aus, dass es hierzulande zwischen 60.000 und 400.000 Prostituierte gibt und dass zwischen 30 und 70 Prozent von ihnen ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht nicht ausüben können. Das heißt zum Beispiel, dass sie keine Kunden ablehnen können – oder bestimmte Praktiken.

Aber egal unter welchen Bedingungen Prostituierte arbeiten, im Edelbordell oder bei einem Zuhälter: Sie alle wären besser dran, wenn der Sexarbeit nicht so ein großes Stigma anhaften würde. Die meisten müssen heute immer noch ein Geheimnis daraus machen, wo sie arbeiten – aus Angst, im Kindergarten von Erwachsenen nicht gegrüßt zu werden, wenn es rauskommt. Wer über seinen Beruf schweigen muss, hat es schwerer, sich zu organisieren und für seine Rechte zu kämpfen – und Gewalt, Vergewaltigungen und Ausbeutung anzuzeigen, wenn sie einem widerfahren.

Freiwillige Prostitution ist ein Job

Auch mir wäre eine Gesellschaft lieber, die keine Prostitution bräuchte. Aber das Gedankenspiel, das ich beim Informationsfrühstück von Hydra durchspielen sollte – jeder zweite Mann im vollen S-Bahn-Abteil –, ist nicht so weit von der Realität entfernt. Etwa die Hälfte der Männer in Deutschland geht mindestens einmal im Monat in den Puff, 88 Prozent der Männer waren mindestens einmal in ihrem Leben dort. Das fand eine Umfrage der Frauenzeitschrift Brigitte heraus. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass in Deutschland jährlich 14,6 Milliarden Euro mit Prostitution umgesetzt werden.

Prostitution, solange sie freiwillig passiert, ist ein Job. Nicht mehr und nicht weniger. Man stellt seinen Körper, seine Zeit und seine Aufmerksamkeit zur Verfügung und bekommt dafür Geld. Zu behaupten, dass Sexarbeiterinnen “ihren Körper verkaufen”, finde ich Quatsch – sie haben ihren Körper nach dem Arbeitstag ja noch. Zumindest verkaufen sie ihren Körper nicht weniger als alle, die ihren Körper und Kopf für die Dauer der Arbeitswoche oder des Auftrags an ihren Arbeitgeber verleihen.

Dass man Prostitution oft als etwas Schmutziges behandelt, worüber man bestenfalls hinter vorgehaltener Hand spricht, zeigt nicht nur, wie verklemmt unsere Gesellschaft im Umgang mit Sex noch  ist. Es zeigt auch unsere Doppelmoral. Frauen bekommen von klein auf eingetrichtert, wie wichtig es ist, sexy und hübsch zu sein. Keiner sagt etwas, solange sie Sex gegen Aufmerksamkeit tauschen oder gegen einen Ehering. Aber sobald eine Frau einen konkreten Preis für Sex nennt, wird sie geächtet. Ihr wirft man vor, käuflich und schwach zu sein und alle anderen Frauen zu verraten.

Wer geht schon zur Arbeit, wenn er dafür kein Geld kriegt?

Befürworter des Prostitutionsverbots sagen, keine Frau könne diesen Job freiwillig machen. Es stimmt: Keine Frau, die ich kennengelernt habe, hätte diesen Job ausgeübt, wenn sie dafür kein Geld bekommen hätte. Aber wer würde schon zur Arbeit gehen, wenn er dafür keinen Cent bekäme? Die Frage sollte nicht sein: Machen Prostituierte ihren Job gern? Die Frage sollte sein: Machen sie diesen Job lieber als einen anderen? Letzteres haben ich öfter von ehemaligen Kolleginnen gehört.

Eine von ihnen war eine alleinerziehende Mutter, die mitten im Scheidungsprozess steckte. Vorher hatte sie nachts in der Gastronomie gearbeitet und tagsüber ihren Sohn versorgt. Sie sagte: Im Puff habe ich mehr verdient, konnte nachts wenigstens vier Stunden schlafen und tagsüber für mein Kind da sein. Dass man als Prostituierte reich wird, ist zwar ein Mythos. Aber man verdient auf jeden Fall mehr, als wenn man ungelernt in der Restaurantküche Zwiebeln schneidet. Wenn ich Gäste hatte, war es vor zehn Jahren für mich realistisch, in zwei Stunden 100 Euro zu verdienen, von denen ich Steuern und Sozialabgaben bezahlt habe. Das Finanzamt behandelt Prostituierte wie andere Freiberufliche, sie können “Prostitution” als ihren Beruf angeben – oder eher einen Euphemismus wie “Wellnessmasseurin” , “Tänzerin” oder “Begleitservice”.  Viele entscheiden sich für Letzteres, wegen des Stigmas, das dem Beruf anhaftet.

“Die Frage sollte nicht sein: Machen Prostituierte ihren Job gern? Die Frage sollte sein: Machen sie diesen Job lieber als einen anderen?”

Auch wenn Alice Schwarzer das nicht gern hören würde: Ich habe diesen Job gern gemacht und habe dabei sehr viel gelernt. Zum Beispiel wie wichtig es ist, Grenzen beim Sex zu setzen. Prostituierte kommunizieren meistens ganz klar, wie weit ein Mann gehen kann. Wenn ein Kunde keine Lust auf Gummi hatte, gab es eben keinen Sex. Da habe ich keine Diskussion zugelassen. Wie oft versuchen Männer privat, bei One-Night-Stands das Gegenteil durchzusetzen? Wie oft schaffen es Frauen privat, nein zu sagen, wenn ihnen etwas im Bett zu weit geht?

Inzwischen arbeite ich als selbstständige Körpertherapeutin – ich helfe den Menschen zum Beispiel, ihre Körperhaltung und ihre Bewegungsabläufe zu verbessern oder bewusster zu atmen. Ich verdiene mehr als zuvor und fühle mich auch besser dabei. Dass ich nach zwei Jahren aus der Prostitution ausgestiegen bin, hat aber nichts damit zu tun, dass ich es plötzlich falsch fand, für Sex bezahlt zu werden. Mich strengte vor allem der emotionale Aspekt dieser Arbeit an: Ich musste sehr viel lächeln, auch wenn mir nicht nach lächeln war. Ich musste Meinungen zustimmen, die ich ablehnte. Immer gute Laune haben. Ein Freier bezahlt ja nicht nur für den Orgasmus. Abspritzen kann er auch gegen eine Badezimmerwand. Er bezahlt für das Lächeln während des Verkehrs.

Anstrengender, risikoreicher Job

Der emotionale Druck, beim Arbeiten immer so auszusehen, als hätte man Spaß, machte mir zu schaffen. Genauso der finanzielle Druck. Denn auch, wenn ich selbst entscheiden konnte, mit wem ich aufs Zimmer ging, war klar: Wenn ich heute keinen einzigen Kunden habe, dann verdiene ich keinen Euro. Gefährlich wird dieser Druck vor allem für Frauen, die glauben, keine Wahl zu haben. Das macht sie anfällig für Erpressung, für Abhängigkeit, für eine Abwärtsspirale.

Aber anstatt verschämt wegzuschauen oder zu fordern “Weg damit!”, würde es helfen, mit Sexarbeiterinnen so offen über ihren Job zu sprechen, wie man das mit Friseuren tut. Man kann sie fragen, wie man ihre Situation verbessern kann – und nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Sonst kommt es wieder zu Verordnungen wie dem neuen Prostituiertenschutzgesetz. Nach den neuen Regeln müssen sich alle Prostituierten bis zum 1. Januar 2018 bei den Behörden registriert haben. Dann bekommen sie einen Prostituiertenausweis, den sie beim Arbeiten dabei haben müssen. Wen das schützen soll, weiß ich nicht. Und auch die meisten Prostituiertenorganisationen sind gegen das Gesetz. Es wird nur dazu führen, dass noch mehr Prostituierte im Verborgenen arbeiten werden. Und solange Sexarbeiterinnen in unserer Gesellschaft so ausgrenzt werden, wie es jetzt der Fall ist, können diese “Hurenpässe” ihnen zum Verhängnis werden, zum Beispiel wenn sie jemand mit dieser Information erpressen will.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Prostituierte nicht zusätzlich zum Stress ihres Jobs darum bangen müssen, aufzufliegen. Ich hoffe, dass wir eines Tages über Sexarbeit genauso nüchtern reden können, wie über jeden anderen anstrengenden, risikoreichen Job. Erst dann können wir all die großen Probleme angehen, die mit Prostitution zusammenhängen. Durch Schweigen und Scham hat man Probleme noch nie gelöst.

Source :

zeit

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