Reise ins Ungewisse

Foto: ZDF/Juan Sarmiento G.

 

Die Dokumentation einer Flüchtlingsreise ist ein berührender Film, weil Regisseur Jakob Preuss gegen das wichtigste Gebot für Dokumentaristen verstoßen hat.

Aus Zuschauersicht spielt es normalerweise keine Rolle, wie viel Aufwand für ein Filmprojekt getrieben worden ist. In diesem Fall aber ist die Hintergrundinformation nicht unwesentlich: Bereits 2011 hat Jakob Preuss mit den ersten Recherchen für seine Langzeitdokumentation begonnen; also lange bevor die sogenannte Flüchtlingsproblematik zu einem der wichtigsten Themen der deutschen Politik wurde.

Preuss, 2012 für seinen Film „The Other Chelsea“ über die ostukrainische Bergbaustadt Donezk mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, erzählt die Geschichte eines Kameruners, den er 2014 in einem Waldgebiet nahe der marokkanischen Küste kennen gelernt hat. Dass sich beide dort aufhielten, war kein Zufall: Paul wollte nach Europa, Preuss einen Film über die Flüchtlingskrise drehen. Ihre Begegnung war jedoch nicht geplant; und sie sollte beider Leben verändern.

Bei ihrer Ausbildung wird angehenden Dokumentaristen eingeschärft, Distanz zu ihren Protagonisten zu bewahren, ganz im Sinn der berühmten Journalistendevise von Hanns Joachim Friedrichs, sich mit keiner Sache gemein zu machen; „auch nicht mit einer guten“. Andererseits sind die berührendsten Dokumentarfilme erfahrungsgemäß jene, bei denen sich diese Maxime irgendwann nicht mehr einhalten lässt.

Preuss ging es mit Paul offenbar ganz ähnlich. In der ersten Hälfte der gut 90 Filmminuten bleibt er seinem Konzept treu. Er zeigt den riesigen Zaun, der die spanische Afrika-Exklave Melilla vor Eindringlingen schützen soll, und spricht mit den Grenzpolizisten über ihre Erfahrungen. Zwischendurch trifft er sich im Wald immer wieder mit Paul, der den Kontakt zu anderen Geflüchteten herstellt. Die Menschen leben in Zelten und provisorischen Hütten.

Trotzdem ist die Atmosphäre gelöst, fast schon heiter, zumindest angesichts der Umstände; die Stimmung könnte an Campingurlaub erinnern, wäre da nicht der gelegentlich aufflackernde Zorn der jungen Männer, die überzeugt sind, Europa schulde ihnen was. Auch Paul – klug, reflektiert, kontaktfreudig, sympathisch – erzählt seine mit Zeichnungen illustrierte Geschichte: vom Studium, das er abbrechen musste, vom Stipendium für Kanada, das er wegen eines fehlenden Visums nicht wahrnehmen konnte, von der Mutter, die sich für ihn aufgeopfert hat, von seinem Dorf, in dem er bei einer Rückkehr mit leeren Händen als Versager gelten würde; und von der entbehrungsreichen dreijährigen Reise von Kamerun bis zur marokkanischen Küste. Nun wartet er auf eine günstige Gelegenheit, mit Hilfe von Schleppern nach Spanien überzusetzen. Seine Reise führt ihn ins Ungewisse, doch eine Rückkehr ist keine Option.

Bis zu diesem Punkt ist „Als Paul über das Meer kam“ sehenswert und interessant, aber nicht weiter ungewöhnlich. Preuss gestaltet den Film zwar als Tagebuch, doch die Erzählweise ist angesichts der langen Drehdauer zwangsläufig sehr elliptisch. Er behandelt das Thema mit angemessener Empathie, bewahrt aber die dokumentarische Distanz.

Das ändert sich, als Paul eines Tages verschwunden ist und Preuss ihn später zufällig in einem spanischen Internetclip entdeckt, wie er zitternd einem Rettungsboot entsteigt. Er stöbert ihn in einem Haus des Roten Kreuzes auf, und nun wandelt sich erst das Verhältnis der beiden Männer und dann auch der Film, der sich fortan ausschließlich auf Paul konzentriert. Der Kameruner will illegal nach Deutschland, und Preuss hilft ihm dabei, vermeidet dabei allerdings, sich strafbar zu machen. Nach einigen Irrungen und Umwegen landet Paul schließlich tatsächlich in Berlin und schafft aus eigener Kraft alle Voraussetzungen für eine gelungene Integration; aber sein Schicksal bleibt stets in der Schwebe.

Preuss verwendet zwar nicht den Begriff Freundschaft, aber es ist eine recht innige Beziehung, die sich im Verlauf der langen Zeit zwischen ihm und seinem Protagonisten aufbaut, zumal er sogar dafür sorgt, dass Paul familiären Anschluss findet. Umso größer ist die Irritation, als sich der Dokumentarist plötzlich wieder auf die Position des reinen Beobachters zurückzieht und den Afrikaner sich selbst überlässt, als der von den Berliner Behörden erst mal nach Eisenhüttenstadt geschickt wird. Plötzlich geht es Paul nicht anders als den anderen Geflüchteten, die in einem fremden Land bereits am Erwerb einer Busfahrkarte scheitern.

Die Szene wirkt etwas willkürlich, aber vermutlich war es Preuss wichtig, auch diese Ebene einzufangen. Aus dem gleichen Grund streut er mehrfach Gespräche mit Ordnungshütern ein. Er durfte portugiesische Soldaten bei einer Frontex-Patrouille und junge deutsche Bundespolizisten bei stichprobenartigen Autobahnkontrollen begleiten und musste dabei zur eigenen Überraschung feststellen, dass die Männer überhaupt nicht als Feindbilder taugen. Ansonsten konzentriert er sich in der zweiten Hälfte jedoch auf die Erlebnisse von Paul, der den Film auch akustisch übernimmt und zum Erzähler wird.

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