Russische Twitter-Accounts trommelten im Wahlkampf für Labour

Foto: REUTERS

 

Rund 6500 Twitter-Accounts, die Forscher mit Russland in Verbindung bringen, sollen bei letzten Wahl in Großbritannien größtenteils für die Opposition getrommelt haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der “Sunday Times”, für die sie mit der Swansea University kooperiert hat. Die Accounts hätten für die Labour-Partei und deren Parteichef Jeremy Corbyn geworben, während die Konservativen um Premierministerin Theresa May verunglimpft worden seien, heißt es.

So sollen im Schnitt neun von zehn Tweets der mutmaßlich russischen Accounts über die Labour-Partei oder Corbyn positiv gewesen sein, während bei den Tweets über die Tories neun von zehn Tweets tendenziell negativ waren. So seien über einige der Accounts zum Beispiel Kommentare wie “Die Tories töten unsere Kinder – im wahrsten Sinne” des Wortes weiterverbreitet worden.

Analysiert wurde beispielhaft eine Stichprobe von 20.000 Twitter-Nachrichten, die innerhalb der letzten vier Wochen vor der Wahl am 8. Juni 2017 veröffentlicht wurden. Swansea-Professor Oleksandr Talavera, der die Daten gesammelt hat, sagte, das Beobachtete könnte eventuell nur die Spitze eines Eisbergs gewesen sein.

Wie ein Erklärtext zur Untersuchung klarstellt, stammen die 20.000 Nachrichten allesamt von Accounts, deren Ortsangabe Russland lautete oder die auf Russisch eingestellt waren. Üblicherweise sei die eingestellte Sprache eines Accounts nicht einfach auf einem Profil sichtbar, schreibt die “Sunday Times”, die Daten der Swansea University hätten dieses Detail aber jeweils enthalten.

Viele Accounts waren noch frisch

Der Zeitung zufolge sind viele der so mit Russland assoziierten Accounts Bots gewesen, also Meinungsroboter. Angelegt worden seien die Twitter-Konten in vielen Fällen mit englischen Frauennamen. 80 Prozent der Accounts seien zudem erst in den Wochen vor der Wahl angelegt worden sein, teils zeitgleich, heißt es. Manchmal hätten die Accounts auch die selben Nachrichten verbreitet. Ob die Konten wirklich im Auftrag der russischen Regierung agierten, ist dagegen nicht bewiesen.

“Die Bots sprangen Corbyn schnell zur Seite, wenn es nötig war”, beschreibt die “Sunday Times” ihr Vorgehen. “Als Corbyn während seines Wahlkampfs kritisiert wurde, weil er die Kosten für einen seiner wichtigsten politischen Pläne nicht kannte, verbreitete eine Gruppe von 34 Konten, die sich als Frauen tarnte, dieselbe Botschaft weiter – die, dass die Medien Respekt vor dem Labour-Führer haben sollten.”

Ob und wie sehr solche Nachrichten, die angeblich Millionen Menschen erreicht haben könnten, die Wahl beeinflusst haben, ist unklar – mittlerweile soll Twitter viele der Accounts gesperrt haben. Die “Sunday Times” hebt aber hervor, dass die Accounts besonders am Wahltag selbst aktiv waren und Labour-Unterstützer zum Wählen-Gehen aufforderten. Britische Medien derweil durften an diesem Tag bis zur Schließung der Wahllokale nicht mehr über die Wahl berichten.

Ein überraschend gutes Ergebnis

Jeremy Corbyn hatte mit seiner Labour-Partei bei der Wahl ein für viele überraschend gutes Ergebnis eingefahren: Labour kam auf gut 40 Prozent der Stimmen und landete so nur knapp hinter Theresa Mays Konservativen, die auf 42,5 Prozent kamen.

Der britische Kultusminister Matt Hancock – ein Konservativer – sagte zur Recherche der “Sunday Times” nun, dass er die Enthüllungen “äußerst beunruhigend” finde: Es sei “absolut inakzeptabel, dass eine Nation versucht, sich in die demokratischen Wahlen eines anderen Landes einzumischen”.

Ein Labour-Sprecher legte der Zeitung derweil nahe, dass die russische Regierung die Konservativen unterstützt hätte, dabei verwies er etwa auf ein von seiner Partei vorgeschlagenes Vorgehen gegen Steuerhinterziehung. Man selbst habe nichts von Meinungsrobotern gewusst und nichts für den Einsatz von Bots bezahlt.

Diskussionen seit dem Brexit

Über den möglichen Einfluss russischer Social-Media-Aktivitäten auf britische Wahlen war schon rund um die Brexit-Entscheidung ein Jahr zuvor diskutiert worden, erst recht, nachdem es rund um den Wahlsieg von Donald Trump in den USA ähnliche Sorgen gab. Eine Studie des Oxford Internet Institute zum Thema kam Ende 2017 jedoch zu dem Ergebnis, dass die russischen Online-Aktivitäten zumindest beim Brexit wohl unbedeutender waren, als es mancher Politiker suggerierte.

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