“Sie wollten mich ins Gefängnis bringen”

Olga Romanowa © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

 

In diesem Jahr haben viele Oppositionelle Russland verlassen, darunter die Bürgerrechtlerin und Journalistin Olga Romanowa. Als die Büros ihrer Gefangenenhilfsorganisation im Juni 2017 durchsucht wurden, verließ sie Russland. Seit September hilft sie von Berlin aus Gefängnisinsassen in Russland und moderiert beim oppositionellen russischsprachigen Fernsehsender RTVD.

ZEIT ONLINE: Frau Romanowa, warum sind Sie nach Berlin ausgereist?

Olga Romanowa: Mein Fall ist dem des Regisseurs Kirill Serebrennikowsehr ähnlich. Seit Mai 2017 sorgt meine Hilfsorganisation Russland hinter Gittern für Serebrennikows anwaltliche Verteidigung, deshalb kenne ich seinen Fall so gut. Ich ahnte schon, dass uns dasselbe drohte. Drei Wochen nach der Durchsuchung bei Serebrennikow sind sie zu uns gekommen.

Am frühen Morgen kamen sie mit Durchsuchungsbefehlen zu allen unseren Büros. Zur Begründung hieß es, wir hätten staatliche Mittel veruntreut. Allerdings haben wir nie staatliche Mittel bekommen. Der Unterschied zwischen Serebrennikow und meiner Hilfsorganisation, Russland hinter Gittern, ist, dass er ein Theater hat, das staatliches Geld bekommen hatte. Wir sind eine Wohltätigkeitsorganisation, noch dazu eine oppositionelle – woher sollten wir staatliche Mittel haben? Außerdem war die Summe in Dollar angegeben. Ich habe die Beamten danach gefragt, schließlich zahlt man in Russland mit Rubeln. Er sagte: Na, du verstehst schon.

Natürlich verstehe ich. Ich kenne mich ja aus mit Finanzen. Der Vorwurf der Veruntreuung staatlicher Mittel war einfach ein Vorwand.

ZEIT ONLINE: Und was war Ihrer Meinung nach der eigentliche Grund für die Durchsuchung?

Olga Romanowa ist eine russische Bürgerrechtlerin aus Moskau. Sie ist 51 Jahre alt, kennt sich mit Finanzen aus und hat 30 Jahre als Journalistin gearbeitet. Sie hat vor zehn Jahren die Gefangenenhilfsorganisation Rus sidjaschaja, Russland hinter Gittern, gegründet. Derzeit lebt sie in Berlin.© Andreas Prost für ZEIT ONLINE

Romanowa: Russland hinter Gittern kämpft für die Rechte von Menschen im Gefängnis. Allein aus diesem Grund treffen wir dauernd alle wunden Punkte der russischen Gefängnisbehörde FSIN. An ihrer Spitze stehen derzeit Leute, die früher beim Inlandsgeheimdienst FSB waren. Natürlich ist es in deren Interesse, mich loszuwerden und die Organisation zu schließen.

ZEIT ONLINE: Sie wollten, dass Sie das Land verlassen?

Romanowa: Nein, sie wollten mich ins Gefängnis bringen. Um mir persönlich zu schaden, und auch dem guten Ruf der Organisation. Sie hassen mich.

Es gibt aber noch einen zweiten Grund, und das ist die Präsidentenwahl im März 2018. Jedes Jahr verlassen etwa 2.500 Menschen Russland, aber vor der Präsidentenwahl sind es erheblich mehr. Denn die staatlichen Organe versuchen, das Oppositionsfeld aufzuräumen. Sie wollen verhindern, dass sich die Proteste von 2012 wiederholen. Damals war die letzte Präsidentenwahl – und die Leute protestierten gegen die Amtseinführung Putins. Man rät mir, mich vor der Wahl nicht mehr in Russland blicken zu lassen. Aber ich frage mich: Warum sollte es nach der Wahl besser werden?

ZEIT ONLINE: Sie sind also jetzt im Exil?

Romanowa: Ich bin überzeugt, dass ich eines Tages zurückkehre. Sei es im nächsten Jahr, sei es in 20 Jahren. Deutschland ist ein schönes Land, aber ich bin Russin.

Allerdings fühle ich mich in Berlin nicht als Emigrantin. Mir kommt es eher so vor, als sei ich in einen anderen Stadtteil Moskaus gezogen. Ich kenne mich nicht besonders gut aus, man hat mich zum Umzug gezwungen. Aber es ist freundlich und angenehm. Und in diesem mir unbekannten Moskauer Stadtteil treffen sich aus unerfindlichen Gründen sehr viele meiner Bekannten und Freunde. Sie sind sehr unterschiedlich, es gibt darunter Deutsche, Engländer und viele Russen, ich kenne auch Usbeken hier und habe kasachische Bekannte.

Und noch etwas besonders Kostbares passiert in Berlin. Ich lebe jetzt mit Ukrainern, ich arbeite mit ihnen, wir treffen uns und tauschen uns aus. Wir sind befreundet. Und es ist alles gut! Das kann man sich in Russland gar nicht mehr vorstellen. Ich habe keine Lust mehr, immer erst deklarieren zu müssen, dass ich gegen die Annexion der Krim bin und gegen den Krieg in der Ukraine. Hier in Berlin muss ich das nicht. Dass sich Ukrainer und Russen in Berlin treffen und alles gut ist, ist wunderbar.

ZEIT ONLINE: Wie geht es weiter mit Russland hinter Gittern, wo Sie in Berlin sind?

Romanowa: Morgens machen wir den Russland-hinter-Gittern-Chat auf, sagen uns Guten Morgen und beginnen mit der Arbeit. Heutzutage muss man ja nicht mehr physisch präsent sein. Die Arbeit geht einfach weiter.

ZEIT ONLINE: Aber Ihre Mitarbeiter sind in Russland. Ist es für sie nicht gefährlich?

Romanowa: Doch. In Moskau arbeiten für den Wohltätigkeitsfonds 18 Menschen, wir haben ein Büro in Moskau, eines in Nowosibirsk, und im kommenden Jahr werden wir welche in St. Petersburg und in Jaroslawl aufmachen. Alle meine Mitarbeiter haben schon im Gefängnis gesessen, außer mir. Ich habe immer gescherzt, dass ich anders bin als sie – aber jetzt bin ich fast auf einer Stufe mit ihnen, knapp dem Gefängnis entkommen. Natürlich machen die Leute sich Sorgen, aber sie sind sehr vertraut mit diesen Dingen. Wir helfen seit Jahren anderen, wir können auch uns selbst helfen.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Arbeit von Russland hinter Gittern aus?

Romanowa: Wir betreuen etwa 3.000 Familien im Jahr, in denen ein Mitglied im Gefängnis ist. Wenn jemand unschuldig sitzt – in Russland ist das etwa ein Drittel der Einsitzenden –, versuchen wir, ihm möglichst viel Öffentlichkeit zu verschaffen. Ansonsten helfen wir allen, die es brauchen. Die Familien leiden immer, oft fällt der einzige Ernährer weg. Wir bezahlen Anwälte, helfen den Kindern und Frauen. Und immer, wenn jemand im Gefängnis Folter ausgesetzt ist oder schwer erkrankt, kümmern wir uns um ihn – ganz egal, was er verbrochen hat.

ZEIT ONLINE: Woher kommt das Geld?

Romanowa: Russland hinter Gittern besteht aus drei Teilen: Einer sozialen Bewegung, einem Wohltätigkeitsfonds, der beim Justizministerium registriert ist, und einer GmbH. Von allen dreien bin ich die Chefin. Die Firma untersucht verschiedene Aspekte des russischen Gefängnissystems und hat unter anderem ein Reformkonzept geschrieben.

Der Auftrag dazu kam von Alexej Kudrin, dem früher Finanzminister, und die Firma hat eine Millionen Rubel dafür bekommen (umgerechnet rund 15.000 Euro). Dieses Geld habe ich eingenommen und dann an den Wohltätigkeitsfonds weitergereicht. Also quasi wieder an mich. Meine Firma hat außerdem im Auftrag des soziologischen Umfrageinstituts Lewada-Zentrum eine große Umfrage zum Thema Antisemitismus in den Gefängnissen des Landes gemacht.

Kurz gesagt, kommen aus den Aufträgen der Firma etwa fünf Prozent unseres Budgets, rund 70 Prozent kommen von sechs privaten Hauptsponsoren. Der Rest ist klassisches Fundraising, also quasi Mittel aus dem Volk. Für mich hat sich in Berlin vor allem eines geändert: Ich war in Russland dafür zuständig, dieses Geld einzuwerben. Das mache ich jetzt hier in Deutschland. Für mich ist das kein Problem. Falls es die russischen Geldgeber stört, sollen sie ihr Geld eben jemand anderem geben.

Russisches Staatsgeld hingegen hatten wir nie – und auch kein Geld aus dem Ausland. Jetzt haben wir allerdings auch eine EU-Ausschreibung gewonnen und werden demnächst Europafähnchen in unseren Büros aufstellen.

ZEIT ONLINE: Wird Russland hinter Gittern dann zum sogenannten ausländischen Agenten, wie alle NGOs in Russland, die Geld aus dem Ausland bekommen?

Romanowa: Natürlich! Allerdings werden wir uns nicht selbst als ausländischer Agent registrieren. Wenn das jemand für uns tut, na gut. Dann machen wir es so wie Memorial, die schreiben, sie seien nach “Auffassung des Justizministeriums” ein ausländischer Agent.

ZEIT ONLINE: Vor Kurzem haben Sie Fördermittel aus dem russischen Präsidentenfonds abgelehnt. Warum?

Romanowa: Das war ein bisschen kompliziert. Dieser Fonds gibt normalerweise Geld an Organisationen wie den Rockerclub Nachtwölfe oder für Hockey. Wir haben uns da regelmäßig und mehr pro forma beworben und nie etwas bekommen. Dieses Jahr kam, als ich schon im Ausland war, absurderweise eine Zusage für fast drei Millionen Rubel Fördergeld, 50.000 Euro. Es war eine schwere Entscheidung, aber am Ende haben wir abgelehnt.

“Putin ist ein genialer Diktator”

Angekommen in Berlin: Olga Romanowa © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Das ist doch widersprüchlich. Auf der einen Seite gibt es Durchsuchungen bei Ihrer Organisation, Sie müssen das Land verlassen – und auf der anderen Seite sollen Sie Fördermittel aus dem Präsidentenfonds bekommen?

Romanowa: Auf Russisch sprechen wir da vom Kampf der Kremltürme. Das trifft es sehr gut. Wir sitzen unter einem Turm, die anderen Türme kämpfen mit unserem. Wobei wir versuchen, uns so fern wie möglich von alledem zu halten. Aber die Türme kämpfen und ein Ziegelstein fliegt in unsere Richtung. Ich weiß nicht genau, von welchem Turm der Ziegelstein kommt, der jetzt auf meinen Kopf gefallen ist. Es ist mir auch egal.

Aber der Kampf zwischen den Türmen ist sehr real. Denn Präsident Wladimir Putin kann seine Macht nur erhalten, wenn er dafür sorgt, dass sich keine der im Kreml gegeneinander kämpfenden Gruppen als Sieger fühlt. Leider ist Putin sehr schlau. Er wird uns noch lange erhalten bleiben.

ZEIT ONLINE: Aber wenn er so schlau und sicher im Amt ist – alle wissen ja, dass er Anfang 2018 wiedergewählt wird –, warum dann solche Repressionen gegen Andersdenkende?

Romanowa: Putin ist ein genialer Diktator. Wobei genial keineswegs positiv gemeint ist. Als die jungen Leute vor fünf Jahren auf die Straße gingen und auf dem Bolotnaja-Platz demonstrierten, waren die Repressionen hart. Viele kamen ins Gefängnis, viele mussten das Land verlassen. Die Straßen blieben leer. Doch dann ging im März dieses Jahres eine neue Generation auf die Straße, die unter Zwanzigjährigen, viele wussten kaum etwas von den Bolotnaja-Prozessen.

Das Gras wächst halt, und es ist grün. Man mäht es, es wächst wieder, es ist grün. Und wenn der Zar sagt, das Gras sollte blau sein, dann wird zwar Farbe geholt und das Gras blau angestrichen, aber es wächst es trotzdem grün nach.

Es war wieder eine Generation herangewachsen, die festgestellt hatte: Hier stimmt etwas nicht. Wieder gab es Repressionen. Wir helfen jetzt einigen von ihnen, die Strafverfahren am Hals haben.

ZEIT ONLINE: Eine Weile sah es so aus, als würde Putin eine gewisse Opposition zulassen, womöglich damit es nicht zu sehr nach Diktatur aussieht. Hat sich das geändert?

Romanowa: Russland ist eigentlich ein sehr freies Land mit vielen Möglichkeiten. Man kann alles erreichen: Posten, Geld, Bekanntheit, Ruhm, wenn man nur ein bisschen intelligent ist. Aber unter einer Bedingung: Man darf sich nicht mit Politik befassen. Solange man sich für die Gasleitung der Firma interessiert, in der man Chef ist, für Würstchen zum Abendessen, für schöne Frauen und den Erfolg der Kinder in der Schule – alles super. Dann ist man der ideale Bürger von Putinland. Aber wenn einem plötzlich auffällt, dass die Luft verschmutzt ist, wenn man plötzlich der Meinung ist, man sollte keine Chemikalien in den Fluss kippen, wenn man findet, dass man Hunde und Katzen nicht quälen sollte und dann noch fragt, warum das Fernsehen lügt, dann darf man nicht mehr mit Erfolg rechnen.

Schlimm wird es, wenn man sich mit einer dieser Fragen intensiv befasst. Wenn man zum Beispiel fragt, warum Putins Freunde immer reicher werden. Dann versucht der Staat, einem zum offiziellen Fragensteller zu machen. Man muss dann besonders laut fragen: Woher kommt das Geld des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny? Und woher haben die anderen Oppositionellen ihr Geld? Das ist doch Korruption! So funktioniert das. Wenn die Leute mitmachen, hängt man ihnen ein Schildchen um, auf dem steht: Putinloyaler Oppositioneller. Oder Systemopposition. Es werden noch immer Fragen gestellt, auch unangenehme, aber eben nicht mehr an Putin.

ZEIT ONLINE: Was wird nun aus der Reform des Gefängnissystems, für das Russland hinter Gittern das Konzept geschrieben hat?

Romanowa: Wenn überhaupt, dann geschieht erst nach der Wahl im März etwas. Die letzte Reform des Gefängnissystems in Russland war 1953. Es muss also dringend etwas geschehen.

ZEIT ONLINE: Was denn?

Romanowa: Ich war kürzlich mit meinen Mitarbeitern, den Ex-Häftlingen, im Stasigefängnis in Hohenschönhausen. Meine Leute haben im Chor gesagt: Das ist ja genau wie bei uns! So sind die Gefängnisse bei uns in Russland heute noch. Man muss sich nur den Schweißgeruch, den Dreck und sehr viel Müll dazudenken.

Wir sollten von Deutschland lernen. Für mich ist es besonders interessant, wie aus den Gefängnissen der Länder des Warschauer Paktes ein ganz anderes System entstanden ist. In der DDR hat sich das geändert – unter anderem dank Gorbatschow –, bei uns nicht. Wir haben unsere Chance nicht genutzt.

Das Allerwichtigste wäre, dass die Geheimdienste und das Militärische aus unserem Gefängnissystem verschwinden. Die Gefängnisbehörde funktioniert wie eine Militärbehörde. Das bedeutet, dass alle in ein Befehlssystem eingebunden sind, auch die Gefängnisärzte und -lehrer. Der Vorgesetze kann also befehlen, einen Menschen zu behandeln und einen anderen nicht; der Arzt muss die Hacken zusammenschlagen. Das ist absurd. Die russischen Gefängnisse müssen einer zivilen Behörde unterstellt werden.

ZEIT ONLINE: Sie waren mit ihren Mitarbeitern auch in der aktuell funktionierenden Justizvollzugsanstalt Tegel.

Romanowa: Meine Leute haben mich früher immer für verrückt erklärt, wenn ich von Reisen zurückgekommen bin und erzählt habe, wie es anderswo in Gefängnissen aussieht. Tegel war für sie das erste ausländische Gefängnis. Es war wie ein Schock. Zum Beispiel kam uns auf den Fluren eine Gruppe von Leuten entgegen, die Besucher konnten gar nicht glauben, dass das Gefangene waren. Sie konnten nicht glauben, dass sie Aufschluss hatten, dass die Gefangenen arbeiten gehen, lernen und sogar einkaufen. Und dann grüßte sie auch noch der Gefängnisdirektor mit einem lauten Hallo! Und sie grüßten einfach zurück: Hallo! Und der Himmel ist nicht eingestürzt. Erstaunlich!

Source :

zeit

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