Wegen „Harvey“ droht den USA ein absurdes Theater

Source : Internet

 

Große Teile von Texas versinken in den Regenfluten des Wirbelsturms „Harvey“. Aber inzwischen sind davon nicht nur die Bewohner des Bundesstaates betroffen. Zu spüren bekommen es nun auch die Amerikaner im Rest des Landes. Denn der Benzinpreis ist in den vergangenen Tagen drastisch gestiegen, da in dem überfluteten Gebiet ein Großteil der US-Raffinerien liegt. Diese fallen derzeit aus.

Die Folgen dürften manchen Autofahrer schmerzen. Aber es trifft auch die Gesamtwirtschaft, zumindest kurzfristig. Mittel- bis langfristig dagegen sehen die Auswirkungen einer solchen Naturkatastrophe auf die Konjunktur ganz anders aus, wie die Erfahrungen mit früheren Wirbelstürmen zeigen. Entscheidend wird aber sein, wie Washington in den kommenden Tagen und Wochen reagiert. Und da droht, dass die Flutopfer zu Geiseln des Konflikts zwischen Präsident Trump und dem Kongress werden.

Rund 25 Prozent des US-Benzins wird normalerweise in der Region um Houston produziert. Seit die Produzenten dort ausfallen, ist der Preis einer Gallone (3,79 Liter) am Terminmarkt bereits von 1,60 auf 1,84 Dollar gestiegen – ein Plus von 15 Prozent binnen weniger Tage. Und da Benzin in den USA nicht mit derart hohen Steuern belegt ist wie in Deutschland, schlägt diese Entwicklung schneller und unmittelbarer auf die Preise an den Tankstellen durch.

Keine Auswirkungen auf den Weltmarkt 

Am Weltmarkt für Rohöl sind die Auswirkungen dagegen noch nicht zu spüren. „Wir sind noch ein ganzes Stück davon entfernt, dass die Naturkatastrophe von Texas den Weltmarkt für Rohöl erreichen kann“, sagt Rainer Wiek, Herausgeber des Energie-Informationsdienstes (EID) in Hamburg.

Die Preise für Benzinprodukte am Rotterdamer Markt bleiben bislang auf dem Niveau der vergangenen Wochen. Die Großhandelspreise dort wiederum bestimmen die Entwicklungen am deutschen Tankstellenmarkt – und dort ist folglich nicht mit steigenden Benzinpreisen zu rechnen.

Und auch in den USA sollten die Folgen für den Kraftstoffmarkt begrenzt sein, wie die Erfahrungen nach den Wirbelstürmen „Katrina“ und „Sandy“ im Sommer 2005 und Herbst 2012 zeigten. „In beiden Fällen waren die Preisanstiege von kurzer Dauer“, sagt Stephen Gallagher, US-Ökonom bei der Investmentbank Société Générale. Er erwarte zudem, dass die Raffinerien ihre Produktion innerhalb der nächsten Wochen wieder aufnehmen. „Der Einfluss auf Benzinpreise und die US-Inflation sollte temporär sein.“

Houston steht für drei Prozent der US-Wirtschaft

Doch es sind eben nicht nur Raffinerien, die in Texas stehen. Der Großraum Houston steht für immerhin rund 2,9 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung, über 2,5 Millionen Arbeiter und Angestellte arbeiten dort allein in der Privatwirtschaft. In New Orleans, das 2005 vom Wirbelsturm „Katrina“ verwüstet wurde, waren es dagegen nur rund 500.000.

Folglich wird sich die Flutkatastrophe schon bald in den gesamtwirtschaftlichen Zahlen niederschlagen. Texas steht für sechs Prozent des amerikanischen Immobilienmarktes. Bau und Verkauf sind hier jedoch praktisch zum Erliegen gekommen. Das wird sich schon in Kürze in den statistischen Wirtschaftsdaten niederschlagen.

Ebenso wird die Zahl der Arbeitslosen kurzfristig steigen. Parallel dazu dürfte auch die Produktion in einigen Industriebranchen leicht einbrechen. Als Folge der Wirbelstürme „Katrina“ und „Sandy“ gaben auch die gesamtamerikanischen Wachstumsraten seinerzeit etwas nach.

Streit um die Schuldengrenze als Hindernis

Anschließend jedoch – und dies ist der entscheidende Punkt – erholten sie sich dafür umso stärker. Denn danach begann die Wiederaufbauphase, und diese wurde ganz wesentlich durch staatliche Hilfen unterstützt. „Nach den Wirbelstürmen ,Katrina‘ und ,Sandy‘ verabschiedeten der Kongress und der Präsident Ausgabenprogramme, die Bundesmittel in die betroffenen Gebiete lenkten“, schreiben die Nordamerika-Ökonomen der Investmentbank Nomura in einer aktuellen Analyse für ihre Kunden. „Nach Hurrikan ,Harvey‘ dürfte ein ähnliches Gesetz vorgeschlagen werden.“

Zumindest ist das ihre Hoffnung. Denn es gibt da ein großes Hindernis: der Streit über die Schuldenobergrenze. In den USA ist eine solche Obergrenze gesetzlich festgeschrieben, und voraussichtlich Ende September wird die aktuelle Grenze von 19,808 Billionen Dollar erreicht werden. Wird sie nicht rechtzeitig vorher erhöht, kann der amerikanische Staat seine Beamten und Angestellten nicht mehr bezahlen, aber auch kein Geld mehr für andere Dinge ausgeben, auch nicht für Wiederaufbauprogramme in Texas.

Doch dass diese Obergrenze rechtzeitig vorher angehoben wird, ist alles andere als klar. Denn Präsident Donald Trump hat in den vergangenen Wochen immer wieder sehr deutlich zu erkennen gegeben, dass er dem nur zustimmen werde, wenn der Kongress gleichzeitig Geld für den Bau einer Mauer zu Mexiko bewilligt. So könnte der Wiederaufbau in Houston und Umgebung letztlich an diesem Streit scheitern.

Wiederaufbau würde Mauerprojekt stören

Falls dagegen die Schuldenobergrenze erhöht und gleichzeitig der Mauerbau beschlossen wird, könnte andererseits ein weiteres Problem auftauchen, dessen Lösung Donald Trumps Prestigeprojekt ad absurdum führen würde. Denn sobald der Wiederaufbau beginnt, werden in der Region Tausende zusätzliche Arbeitskräfte benötigt. Die gibt es aber nicht, schon jetzt ist der US-Arbeitsmarkt weitgehend leer gefegt. „Der Wiederaufbau in Houston und Umgebung würde diese bestehenden Engpässe noch verstärken“, so die Nomura-Analysten.

Als Ausweg bliebe dann – der Einsatz von Einwanderern aus Mexiko und anderen lateinamerikanischen Ländern. Doch die, und das ist die tragische Ironie, würde ja die Mauer aussperren.

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