So weltfremd sind die Verkehrsideen von Greenpeace

Source : Internet

 

Es klingt alles ganz einfach: weniger Autos, Autobahnen mit Oberleitungen für Lkw und ein Verbot von Verbrennungsmotoren schon im Jahr 2025. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat sich vom Wuppertal-Institut ein „Mobilitätsszenario 2035“ entwerfen lassen, mit dem Deutschlands Verkehr ohne Öl als Energieträger auskommen soll.

Der CO2-Ausstoß würde dann von derzeit 166 Millionen Tonnen pro Jahr auf null sinken. Doch Verkehrsexperten kritisieren das Konzept als völlig unausgereift und bestenfalls utopisch.

Zentraler Bestandteil des Szenarios ist eine massive Reduzierung der Autos in Deutschland. Derzeit kommen 548 Fahrzeuge auf 1000 Einwohner. Geht es nach Greenpeace soll es 2035 nur noch 200 Fahrzeuge pro 1000 Einwohner geben.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen hält diesen Ansatz für völlig falsch. „Gesellschaften ohne individuelle Mobilität sind Entwicklungsgesellschaften – und Entwicklungsland zu werden sollte doch wirklich nicht ein Ziel sein“, sagt er.

Die Vernetzung und elektrische Antriebe würden es erlauben, „ein modernes Mobilitäts- und nicht ein Verzichtsystem aufzubauen“.

Keine starken Rückgänge der individuellen Mobilität zu erwarten

Deutschland gehöre schon heute nicht zu den Ländern mit der höchsten Fahrzeugdichte. In den USA kämen etwa 800 Autos auf 1000 Einwohner. Mit einer Dichte von nur noch 200 Fahrzeugen pro 1000 Einwohner würde man sich auf dem Niveau von Chile oder Bolivien bewegen.

Andere Forscher sehen diesen Vorschlag weniger kritisch. Grundsätzlich sei es denkbar, künftig mit weniger Fahrzeugen pro Einwohner auszukommen, glaubt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) der Hochschule Bergisch Gladbach. Möglich werde das allerdings erst durch vernetzte und autonome Autos, die dann nicht mehr nur einem Halter gehören und deutlich mehr Zeit nicht nur herumstehen, sondern tatsächlich fahren.

„Für ein solches Szenario bis zum Jahr 2035 müsste sich die Entwicklung bei autonomen Taxis und Vans aber deutlich beschleunigen“, sagt Bratzel. „Bis 2035 sind keine sehr starken Rückgänge bei der individuellen Mobilität mit dem eigenen Auto zu erwarten.“

Würde das Szenario der Umweltschützer tatsächlich umgesetzt, müsste auch die deutsche Autoindustrie mit erheblichen Umsatzrückgängen rechnen. Schließlich sollen in ihrem Heimatmarkt nur noch weniger als die Hälfte der bisherigen Fahrzeuge auf der Straße sein.

Keine Verbrenner mehr in acht Jahren? Utopisch

Um das zu erreichen, müsste der Verkauf in den Jahren zuvor dramatisch einbrechen, da nur so der Bestand so deutlich sinken würde. „Das Geschäft müsste über digitale Dienstleistungen ausgeglichen werden“, sagt Bratzel. Eine enorme Herausforderung für die Industrie.

Noch deutlicher werden die Experten bei der Greenpeace-Vision, dass 2035 bereits 98 Prozent aller Autos elektrisch angetrieben sein sollen. „Das ist völliger Unsinn“, sagt Bratzel. „Beim besten Willen werden wir das nicht schaffen.“

Selbst in positiven Szenarien geht das CAM-Institut derzeit nur davon aus, dass bis 2035 maximal zwanzig Prozent aller Autos elektrisch angetrieben sein könnten. „Das wäre schon ein großer Erfolg“, sagt Bratzel.

Im Greenpeace-Szenario soll dieses Ziel erreicht werden, indem bereits 2025 – also schon in acht Jahren – keine neuen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr erlaubt sein sollen. „Das ist völlig unrealistisch“, stellt Bratzel klar. Der Experte hält ein Verbrennerverbot ohnehin für falsch. „Ich bin dafür, scharfe Grenzwerte einzuführen und endlich auch wirksam zu kontrollieren und Verstöße zu sanktionieren“, sagt Bratzel.

Auch über den Güterverkehr haben sich die Forscher im Auftrag von Greenpeace Gedanken gemacht. Sie wollen den Transport weitgehend auf die Schiene verlagern und die verbleibenden Lastwagen sollen mit Strom aus Oberleitungen angetrieben werden. „Der Gedanke, Lkw mit Oberleitungen bundesweit auf Autobahnen fahren zu lassen, ist ohne jegliche ökonomische Substanz und geradezu naiv“, sagt Experte Dudenhöffer.

Städtischer Verteilerverkehr wurde in dem Konzept vergessen

Auch Bratzel hält es für nicht vorstellbar, dass – wie in dem Szenario gefordert – 80 Prozent des Güterverkehrs auf der Straße mit Strom aus Oberleitungen angetrieben wird. „Das kostet viele Milliarden Euro, allein die Straßen entsprechend auszurüsten“, sagt er.

Außerdem müssten auch die Lkw komplett ausgetauscht werden, die jedoch deutlich länger genutzt werden als Autos. „Wenn man das wirklich umsetzen will, kann man vielleicht zehn bis 20 Prozent schaffen.“ Dudenhöffer kritisiert zudem, dass ausgerechnet der wichtigste Teil des Güterverkehrs vergessen wurde.

„Der städtische Verteilerverkehr kommt in der ganzen Studie überhaupt nicht zur Sprache, obwohl er durch E-Commerce das am schnellsten wachsende Segment ist.“ Auch die Verlagerung des Transports auf die Schiene werde seit 70 Jahren vergeblich versucht. Das Szenario von Greenpeace biete daher nur „alten Wein aus neuen Schläuchen oder Kostenutopien“.

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