Zum Tod des Boxers Karl Mildenberger – Mehr als nur ein Ali-Gegner

ER WURDE ALS "KARL DER FLACHE" VERSPOTTET UND ALS "KARL DER GROSSE" GEFEIERT, WAR LANGE EUROPAMEISTER UND DER GEGNER, ÜBER DEN MUHAMMAD ALI ZEITLEBENS RESPEKTVOLL SPRACH. MIT KARL MILDENBERGER VERLIERT DAS DEUTSCHE BOXEN EINEN GROSSEN.

Quelle: josportsinc

 

Es ist das Schicksal einer ganzen Generation herausragender Schwergewichtler, dass sie unter einer Sammelbezeichnung in die Box-Geschichte eingegangen sind: als Ali-Gegner.

Zwei Deutsche verdienten sich diesen Ehrentitel, indem sie Muhammad Ali, den “Größten aller Zeiten”, herausforderten: der Hamburger Jürgen Blin und Karl Mildenberger aus Kaiserslautern, der nun im Alter von 80 Jahren gestorben ist.

Am 10. September 1966 nahm es Mildenberger mit dem zu diesem Zeitpunkt noch ungeschlagenen und unschlagbar scheinenden Weltmeister aus den USA auf. Es war ein kühler Spätsommertag in Frankfurt am Main, lockere Bewölkung, 17 Grad. Im Ring, der in Mitten von knapp 40.000 Zuschauern im Waldstadion aufgestellt waren, sorgten die Scheinwerfer für angenehmere Temperaturen.

Der Tag war in vielerlei Hinsicht besonders: Zum ersten Mal gab sich Ali die Ehre, seinen Titel in Deutschland zu verteidigen, es war die erste Schwergewichts-Weltmeisterschaft auf deutschem Boden, Mildenberger wurde zum ersten Deutschen, der im eigenen Land um einen WM-Titel boxte. Vielleicht noch wichtiger: Der Pfälzer wurde zum ersten Rechtsausleger der Boxgeschichte, der die Chance bekam, Weltmeister in der Königsklasse zu werden.

“Gute Nacht, Karl Mildenberger – wer Du auch immer sein magst”

Genau das machte den Kampf deutlich interessanter, als es die meisten Experten vorausgesehen hatten. Als der damals amtierende Europameister aus der deutschen Provinz im Mai 1966 angekündigt hatte, Ali herausfordern zu wollen, spottete das “Time Magazine”: “Gute Nacht, Karl Mildenberger – wer Du auch immer sein magst”.

Der Weltmeister galt als 10:1-Favorit, die meisten Experten gingen von einem K.o. innerhalb der ersten drei Runden aus. Und das aus gutem Grund: Ali, der schon als Amateur unbesiegbar schien und 1960 in Rom Olympiasieger geworden war, boxte auch als Profi in einer eigenen Liga. Bis zum Duell mit Mildenberger hatte er 25 Kämpfe bestritten und alle gewonnen, 19 davon vorzeitig. Neben Sonny Liston hatte Ali auch die legendären Ex-Champions Floyd Patterson und Henry Cooper K.o. geschlagen.

Es schien vollkommen klar, dass der Deutsche nur Alis nächstes Opfer sein würde. Schließlich hatte Mildenberger schon zwei schwere Niederlagen hinnehmen müssen. Nachdem er im Februar 1962 in der Dortmunder Westfalenhalle in der ersten Runde vom Briten Dick Richardson ausgeknockt worden war, verlieh ihm die Boulevard-Presse den Beinamen “Karl der Flache”.

Doch an diesem Abend in Frankfurt wuchs Mildenberger über sich hinaus. Er musste zwar von der ersten Runde an immer wieder harte Treffer nehmen, vor allem Alis schnelle, über die Deckung geschlagene Rechte bereitete ihm Probleme, doch der Deutsche wehrte sich und brachte seinerseits eine Reihe sauberer Hände ins Ziel – sowohl mit der rechten Führ- als auch mit der linken Schlaghand. “Die Rechtsauslage”, hatte Ali schon vorher gewusst, “ist das größte Problem”.

Nach dem Kampf ehrte der Weltmeister Mildenberger als “zweitschnellsten Schwergewichtler und bestaussehenden weißen Boxer der Welt”. Schon im Vorfeld hatte er seinen Gegner nicht wie sonst üblich als hässlich beleidigt und kleingeredet, sondern schien fast erstaunt, als er sagte: “Ich hielt mich für den Größten und Schönsten, aber du siehst genauso gut aus.”

In Deutschland fühlte man sich wegen Mildenbergers markantem Äußeren und seiner pechschwarzen Haare an Max Schmeling erinnert und hoffte, dass dem Pfälzer eine ähnlich Sensation gelingen könnte wie Schmeling 30 Jahre zuvor gegen Joe Louis. Immerhin war die Konstellation ähnlich: Auch Schmeling war krasser Außenseiter gewesen und hatte den übermächtigen US-Amerikaner besiegt.

Tatsächlich saßen Schmeling und Louis in Frankfurt als Ehrengäste am Ring. Sie erlebten eine denkwürdige Ringschlacht, die dafür sorgte, dass Ali in einem Interview 1973, zwei Jahre nach seiner ersten Niederlage gegen Joe Frazier, den Namen Mildenberger nannte, als er nach seinem stärksten Gegner gefragt wurde.

Doch am Ende half die gute Leistung nicht: Mildenberger zog sich in der sechsten Runde einen Cut am linken Auge zu, musste insgesamt dreimal zu Boden und wurde schließlich in der zwölften von 15 angesetzten Runden von Ringrichter Teddy Waltham stehend aus dem Kampf genommen. Ali hatte seinen Titel erwartungsgemäß verteidigt, trotzdem war aus “Karl dem Flachen” an diesem Abend “Karl der Große” geworden. Die deutsche Presse feierte die Niederlage als “Mildenbergers größten Sieg”.

Rekord-Europameister

Er selbst sah das zunächst auch so – und das nicht nur wegen der Kampfbörse von 220.000 D-Mark, die er damals eingestrichen haben soll. Jahrzehnte später, als er immer wieder nur auf diesen einen Kampf angesprochen, auf diese eine Niederlage reduziert wurde, war er sich da nicht mehr so sicher.

Denn natürlich war Mildenberger viel mehr als nur Ali-Gegner. Von 1964 bis 1967 war er Europameister und stellte mit sechs aufeinanderfolgenden Titelverteidigungen den Rekord des Belgiers Pierre Charles ein. Bis heute ist es keinem Schwergewichtler gelungen, diese Marke zu überbieten.

Und das gelang ihm, obwohl er seine Karriere 1968 zwei Monate vor seinem 31. Geburtstag beendete. “Zehn Jahre, nicht mehr”, hatte sich Mildenberger zu Beginn seiner Profi-Laufbahn geschworen, und genau diese zehn Jahre wurden es auch. Trotzdem brachte er es auf 62 Profikämpfe, von denen er 53 gewann. Ein aus heutiger Sicht unglaubliches Arbeitspensum. Zum Vergleich: Wladimir Klitschko brauchte für seine 69 Kämpfe 21 Jahre.

Auch deshalb hielt Mildenberger nichts vom heutigen Boxen und zog sich in den vergangenen Jahren immer weiter vom Sport zurück. “Das sind doch keine Kämpfe mehr”, meckerte er, wenn er auf potenzielle Nachfolger angesprochen wurde. Während er zu den aktiven Zeiten eines Axel Schulz und Henry Maske noch regelmäßig am Ring gesehen wurde, lehnte er Einladungen zu großen Veranstaltungen zuletzt konsequent ab.

Dabei war Mildenberger körperlich lange in guter Form und hielt sein Kampfgewicht von knapp 90 Kilogramm. Und das, obwohl er nach dem frühen Rücktritt zunächst in ein tiefes emotionales Loch gefallen war. Hilfe bekam er dabei von seiner Familie wie auch von der Verwaltung seiner Heimatstadt Kaiserslautern, die ihn als Bademeister einstellte.

Seinen größten Gegner hat er in den 50 Jahren nach dem Kampf von Frankfurt immer mal wieder getroffen. Zu seinem 70. Geburtstag im November 2007 hatte Mildenberger Ali zwar eingeladen, da war der “Größte” aber schon so von Parkinson gezeichnet, dass man ihm die Reise nach Europa nicht mehr zumuten wollte. Im Juni 2016 starb Muhammad Ali an den Folgen seiner langen Krankheit. Gut zwei Jahre später ist Karl Mildenberger ihm gefolgt.

Source :

spiegel

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