Das komplexe öffentlich-rechtliche Rundfunksystem in Deutschland verstehen

Der Skandal um Patricia Schlesinger, ehemalige Chefin des Berliner Senders RBB, hat die Aufmerksamkeit auf das komplizierte Netz der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland gelenkt. So sind sie organisiert.

Im staatsanwaltlichen Skandal um Patricia Schlesinger soll die RBB-Chefin ihrem öffentlich finanzierten Arbeitgeber teures Catering in ihrem Privathaus in Rechnung gestellt und ihrem Mann einen lukrativen Beratervertrag ermöglicht haben.

Der Skandal hat enormen Schaden angerichtet und wurde zu einer Gelegenheit für populistische Politiker, eines ihrer Lieblingsthemen wiederzubeleben: die Überausgaben der öffentlich-rechtlichen Sender. Die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) verlor keine Zeit damit, zu sagen, dass der Skandal gezeigt habe, dass die öffentlich-rechtlichen Sender “nicht reformierbar” seien und vollständig abgeschafft werden sollten.

Aber auch die besonneneren Stimmen in den deutschen Regierungsparteien fordern eine Verschlankung des Rundfunks: Die neoliberale FDP – Juniorpartner in der Koalitionsregierung von Bundeskanzler Olaf Scholz – hat im vergangenen Jahr eine Resolution verabschiedet, die dies fordert Anzahl öffentlicher Fernseh- und Hörfunknetze soll reduziert werden. Der Vorschlag schaffte es jedoch nicht in den Regierungskoalitionsvertrag und wurde von Journalistengewerkschaften als “populistisch” kritisiert.

Regionale Dominanz

Aber es gibt in der Tat eine relativ große Zahl öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten in Deutschland, darunter 21 Fernsehsender und sogar 83 Hörfunksender, die sich hauptsächlich über die Rundfunkbeitragsabgabe finanzieren . Derzeit sind 18,36 Euro pro Monat für jeden Haushalt in Deutschland vorgeschrieben, was jährlich über 8 Milliarden Euro einbringt. Auch die Deutsche Welle wird öffentlich finanziert, ihr Budget kommt jedoch direkt vom Bund und nicht aus dem Rundfunkbeitrag.

Ein Grund für diese große Vielfalt ist die regionale Herkunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland: Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierten die Westalliierten das westdeutsche System in ihren jeweiligen Besatzungszonen neu und gründeten NWDR in Nordrhein-Westfalen (britische Zone), SWF in Südwestdeutschland (französische Zone) und vier Stationen in der amerikanischen Zone: für Bayern (BR), Süddeutschland (SDR), Hessen (HR) und Bremen (RB).

Zwischen 1946 und 1950 übergaben die Alliierten die Kontrolle über diese jungen Regionalsender nach und nach an Deutsche, und diese sechs Sender wurden zu Gründungsmitgliedern der “Arbeitsgemeinschaft öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland”. Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland) im Juni 1950 – ein Schluck, der schließlich 1954 mit ARD abgekürzt wurde.

Als Vorbild dienten den sechs Sendern auch die British Broadcasting Corporation, die BBC. Das heißt, sie wurden so konzipiert, dass sie sowohl vom Staat als auch vom privaten Markt unabhängig sind und von den Alliierten speziell eingerichtet wurden, um dazu beizutragen, die deutsche Öffentlichkeit in demokratischen Werten umzuerziehen.

Auch die Alliierten drängten Deutschlands Rundfunk auf Distanz zur Bundesregierung, was nach dem Geschmack von Deutschlands erstem Bundeskanzler Konrad Adenauer nur allzu gut funktionierte. Adenauer war bekanntermaßen ungeduldig über die seiner Ansicht nach kritische Haltung der ARD gegenüber seiner Regierung und deutete 1950 sogar an, die Briten hätten daran gearbeitet, die ARD unter den Einfluss seiner rivalisierenden Partei, der Mitte-Links-Sozialdemokraten, zu bringen.

Tatsächlich begann Adenauer 1959 mit der Planung der Schaffung eines zweiten öffentlich-rechtlichen Senders, der nicht von den Ländern, sondern vom Bund organisiert werden sollte. Adenauers Plan wurde als verfassungswidrig eingestuft, führte aber schließlich 1961 zur Gründung des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), das mit bundesweiter Ausrichtung gegründet wurde, aber immer noch auf Landesebene verwaltet wurde.

Diversifikation

Auch nach 1950 waren die sechs ARD-Sender nicht zentral organisiert, und der Vorsitz der ARD wurde alle sechs Monate unter ihnen rotiert, damit kein Einzelner dominieren konnte. Der Fernsehsender der ARD (jetzt offiziell „Das Erste“ genannt) ging 1952 auf Sendung, das Programm wurde jedoch von den sechs Landesrundfunkanstalten zusammengestellt.

Die ARD ist im Laufe der Jahre stetig gewachsen, teilweise durch Teilungen. 1955 wurde der NWDR in NDR und WDR aufgeteilt. 1959 kam der Saarländische Rundfunk hinzu, 1962 kamen die Deutsche Welle und der Deutschlandfunk als neue Mitglieder hinzu.

Die Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 brachte auch neue Mitglieder, als 1991 und 1992 der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg und der Mitteldeutsche Rundfunk als Vertreter der neuen deutschen Regionen gegründet wurden.

Andere Sender schlossen sich zusammen, um die Dinge zu rationalisieren: 1998 schlossen sich zwei süddeutsche Sender zum SWR zusammen, 2003 fusionierten getrennte Berliner und brandenburgische Sender zum RBB, Schlesingers ehemaligem Arbeitgeber.

Aber die allgemeine Tendenz geht zur Diversifizierung, wobei innerhalb jedes Senders kontinuierlich Nischenkanäle geschaffen werden. Neben seinem Nachrichtenkanal und seinen vier Standardradiosendern hat der NDR beispielsweise eigene Radiosender, die sich an Pop, Klassik, Jugend und Alternative richten. Es gibt sogar einen „Schlager“-Kanal, der die allseits beliebte deutsche Popmusik spielt. 1998 schlossen sich drei regionale öffentlich-rechtliche Sender – WDR, RBB und Radio Bremen – zusammen, um COSMO zu produzieren, den multikulturellen Radiosender, der die Migrantengemeinschaften in Deutschland ansprechen sollte.

Eine neue Skepsis

Gleichzeitig werden Rolle und Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert. Kritik gab es an teuren Prestige-Spielshows wie “Wetten, dass…?” („Wetten…?“), dessen Star-Moderator Thomas Gottschalk angeblich 100.000 Euro pro Folge erhielt.

Kritik an der Berichterstattung der ARD hat fast jede große Krise begleitet und 2020 sorgte die populistische Stimmung gegen den Rundfunkbeitrag für eine kleine Krise, als der Landtag im östlichen Sachsen-Anhalt drohte, die jüngste Erhöhung (um 86 Cent pro Monat) zu blockieren ). Dies führte zu einem Streit – da alle 16 deutschen Landtage einer Erhöhung zustimmen müssen – der vom Bundesverfassungsgericht gelöst werden musste.

Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), sagte, solche Entwicklungen seien besorgniserregend. “Klar ist, dass die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland keine Selbstverständlichkeit mehr ist”, sagte er der DW.

Faktencheck: Wie erkenne ich Fake News?

Er fügte hinzu, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Zeiten sozialer Krisen von entscheidender Bedeutung sei. „Wir brauchen gute unabhängige Journalisten, die informieren, erklären und Hintergrundinformationen bieten“, so Zörner weiter. “Und das tun die öffentlich-rechtlichen Sender und das macht sie unserer Meinung nach wichtiger denn je.”

Das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien erscheint relativ stabil. Eine in den letzten fünf Jahren durchgeführte Langzeitstudie der Universität Mainz, deren Ergebnisse jährlich veröffentlicht werden, ergab, dass im Jahr 2020 rund 70 % der Deutschen den öffentlich-rechtlichen Sendern vertrauten, ein Wert, der bisher nur zwischen 65 % und 72 % schwankte. in den letzten fünf Jahren.

Das liege zum Teil an der Eskalation der Weltkrisen, sagte Zörner. “Bei Krisen, die zum Teil existenzieller Natur sind, wenden sich die Menschen dem zu, was unabhängige Informationen bietet – nämlich gutem Journalismus.”