Die Ministerin und der Underdog

Laut Umfragen ist der Kampf um Boris Johnsons Nachfolge schon entschieden – Liz Truss liegt deutlich vorn. Doch ein Abend in Birmingham zeigt: Nicht jeder Tory hat Rishi Sunak abgeschrieben.

Es sieht nicht gut aus für Rishi Sunak. Die Umfragen sind schlecht, die Presseberichte nicht besser, aber was soll er machen? Er macht weiter. Und zwar auf seine Art.

Bevor Sunak an diesem Abend in Birmingham auf die Bühne kommt, läuft auf der Videowand ein kurzer Film seiner Kampagne: “The Underdog”. Man sieht Sunak, wie er eine Bazooka in der Hand hält, dazu die Botschaft: “Schreibt ihn ruhig ab, wenn Ihr wollt.” Aber eines solle man doch nicht vergessen: “Britain loves an underdog.”

Wirklich? Es ist kurz nach sieben an diesem Dienstagabend im NEC, einem Kongresszentrum in der Nähe des Flughafens. Gut 1500 Tories sind in die Halle elf gekommen, um sich die beiden Möchtegernnachfolger von Boris Johnson anzuschauen. Es ist das zehnte sogenannte Husting, eine Art Townhall-Meeting, bei dem sich die zwei Kandidaten den Fragen der Parteimitglieder im ganzen Land stellen. Bis 5. September haben sie noch Zeit, darüber abzustimmen, wer die oder der nächste Parteivorsitzende sein soll – und damit auch die oder der nächste Premier Großbritanniens.

Zur Wahl stehen der frühere Schatzkanzler Rishi Sunak und Außenministerin Liz Truss. Glaubt man den Umfragen, scheint die Sache schon entschieden: Sie liegt inzwischen so weit vor ihm, dass sich so manche Tories fragen, warum er überhaupt noch durchs Land tourt.

Ein Duell auf Augenhöhe

Eine Antwort darauf bietet dieser Abend in Birmingham. Hier zeigt sich nämlich: Sunak bekommt nicht weniger Applaus als Truss, mitunter sogar mehr. Blendet man die Meinungsumfragen und das Underdog-Video für einen Moment aus, würde man nicht auf die Idee kommen, dass da ein Außenseiter gegen die Außenministerin antritt. Im Gegenteil, es ist ein Duell auf Augenhöhe.

Gerne hätte man die beiden mal in einer direkten Auseinandersetzung erlebt, aber das ist im Drehbuch der Konservativen Partei nicht vorgesehen. Und so läuft dieses Husting in Birmingham auch nicht anders ab als die bisherigen Auftritte der beiden: Sie werden getrennt voneinander befragt.

Für Truss und Sunak hat das den Vorteil, dass sie sich nicht nur aus dem Weg gehen können, sondern auch keine große Konfrontation durch die Parteimitglieder fürchten müssen. Denn deren Fragen sind eher ungefährlich, und wenn es doch mal ein Thema gibt, das einen von beiden unvorbereitet trifft, dann sagt sie, sagt er halt: Schau ich mir gerne an.

Immerhin gibt es noch den Moderator, an diesem Abend ist es John Pienaar von Times Radio. Anders als die Parteimitglieder hakt er gerne noch mal nach. Zum Beispiel als Truss mit ihrem Lieblingsthema kommt: Steuersenkungen. Low tax, niedrige Steuern, das ist das Mantra, mit dem die Außenministerin durchs Land zieht. Ihre Anhänger tragen diese Botschaft sogar auf T-Shirts, haben sie doch dieselben Initialen wie ihre Heldin. LT = Liz Truss = Low Tax. So einfach ist das.

Als Premier will Truss jedenfalls sofort die Steuern senken. Das ist ihr Rezept gegen die cost of living crisis – das bestimmende Thema im Kampf ums Johnsons Nachfolge. Wie überall in Europa sind auch in Großbritannien die Lebenshaltungskosten massiv gestiegen. Die Inflation liegt bei 10,1 Prozent, Tendenz steigend. Die Bank of England rechnet in diesem Jahr noch mit 13 Prozent. All das weiß Truss natürlich, aber Moderator Pienaar will trotzdem von ihr wissen: Würde sie mit ihren Plänen nicht gerade das weiter anheizen, was sie vorgibt zu bekämpfen, nämlich die Inflation?

Die Steuern sind das bestimmende Thema

Truss lächelt, sie hat die Frage wohl erwartet. Und so erklärt sie ihr Konzept, und das heißt Wachstum. Truss ist der Meinung, dass Großbritannien nur mit Wachstum aus der Krise kommt. Und dafür brauche es eben Steuersenkungen. Ihr Kalkül: Wenn die Bürgerinnen und Bürger wieder mehr Geld in der Tasche haben, geben sie es aus – und kurbeln damit das Wirtschaftswachstum an.

Das Problem ist nur: Wenn die Menschen wieder mehr Geld ausgeben steigen die Preise jener Güter, die sie konsumieren. Und damit unterm Strich die Inflation. So sieht das etwa die Bank of England. Doch davon will Truss nichts wissen. Das bisherige Wirtschaftsmodell habe nicht funktioniert, sagt sie. Ansonsten werde sie sich nicht daran beteiligen, das Land in eine Rezession zu quatschen. Basta.

Auch Sunak will das Land nicht schlechtreden, aber mit Truss’ Verständnis von Wirtschaftspolitik kann er nichts anfangen. Er hält Steuersenkungen zum jetzigen Zeitpunkt für absolut falsch, und das sagt er an diesem Abend in Birmingham auch ziemlich deutlich. Sollte Truss tatsächlich als Premierministerin an ihrem Plan festhalten, wäre das ein “moralisches Versagen” und alles andere als konservativ.

Konservativ sein im Sinne von Margaret Thatcher, das bedeutet für Sunak: “Ich sage nicht die Dinge, die die Leute hören wollen. Ich sage die Dinge, die das Land hören muss.” Und das sind aus seiner Sicht eben nicht die “Märchen” einer Liz Truss, sondern das ist die ökonomische Wahrheit. Und die wäre laut Sunak (und der Bank of England): Steuersenkungen sind erst sinnvoll, wenn die Wirtschaft wieder wächst – alles andere würde die Inflation nach oben treiben.

Steuern runter, nichts als Steuern runter – dieses Thema ist das ausschlaggebende im konservativen leadership race. Das liegt vor allem daran, dass es kaum etwas gibt, das bei den Tories besser ankommt. Immerhin stehen nun zwei unterschiedliche Konzepte zur Wahl. Und mit ihnen zwei unterschiedliche Kandidaten.

Truss hat mehr zu verlieren als Sunak

Truss wirkt in Birmingham zwar nicht mehr so steif wie zu Beginn der Hustings, aber sie ist immer noch sehr darauf bedacht, ja nicht die Selbstkontrolle zu verlieren. Und so gibt sie sich eher zurückhaltend, mitunter sogar vorsichtig. Das ist auch kein Wunder, hat sie doch laut Umfragen sehr viel mehr zu verlieren als Sunak. Als sie zum Beispiel von Moderator Pienaar gefragt wird, ob sie wieder einen unabhängigen Ethikberater installieren werde, bleibt sie im Ungefähren: Sie sagt nicht ja, sie sagt nicht nein, sie sagt nur, dass es in ihrem Verständnis nicht um richtig oder falsch gehe, sondern dass sie stets jemand gewesen sei, die integer gehandelt habe.

Sunak ist in dieser Frage deutlich klarer. Ja, er sei nach dem Rücktritt von gleich zwei Ethikberatern in Johnsons Regierungszeit sehr dafür, dass es wieder einen gebe. Überhaupt distanziert sich Sunak immer wieder von Johnson. Er war es schließlich auch, der mit seinem Rücktritt als Schatzkanzler maßgeblich dafür sorgte, dass der Premierminister sein Amt aufgeben musste. Nicht wenige in der Konservativen Partei sehen Sunak deshalb als Königsmörder. Auch in den für die Tories maßgeblichen Zeitungen wie der Daily Mail und dem Daily Telegraph wird Sunak noch immer mit diesem Vorwurf konfrontiert.

An diesem Abend in Birmingham spielt Johnson jedoch keine große Rolle, jedenfalls nicht auf der Bühne. Da geht es neben Steuerpolitik noch ein bisschen um Putin, den Brexit und illegale Einwanderer, die mit Booten über den Ärmelkanal kommen. Ein eher regionales Thema taucht dann auch noch auf: HS 2, so heißt die geplante Hochgeschwindigkeitszugstrecke, die Birmingham und andere nordenglische Städte schneller mit London verbinden soll. Was daraus werden soll, bleibt an diesem Abend allerdings offen. Das Projekt kostet schließlich sehr viel Geld, nur, woher soll das kommen, wenn die Steuern gesenkt werden?

Berechtigte Frage, aber keine, die für die Tories zurzeit die entscheidende wäre. Am Ende, so sehen es jedenfalls David und John, die in der vorletzten Reihe sitzen, gehe es vor allem darum, mit wem die Tories Labour-Chef Keir Starmer am ehesten bei der nächsten Wahl schlagen können.

Die besten Chancen hätte ein ganz anderer

David und John sind beide Mitte 60 und tragen dunkelblaue Sakkos, ansonsten haben sie nicht allzu viel gemeinsam. David hat sich schon entschieden, er hat Truss gewählt. Warum? “Liz hat als Außenministerin bewiesen, dass sie es mit Putin aufnehmen kann.” John wiederum ist sich da nicht so sicher. Es sei schon richtig, Liz Truss sei mutig, gerade beim Umgang mit Russland und mit der EU. Aber, sagt John, man dürfe eines nicht vergessen: “Es geht nicht nur um Putin und die Bürokraten in Brüssel. Es geht um Keir Starmer.” Vielleicht, sagt John, wäre Rishi Sunak doch besser, er verstehe einfach mehr von Wirtschaft als Liz Truss.

Laut Umfragen ist es tendenziell so: Stand jetzt würden weder Truss noch Sunak gegen Starmer gewinnen. Die besten Chancen unter den Tories hätte nach wie vor ein gewisser Boris Johnson.