COVID-Zahlen steigen und verursachen Arbeitskräftemangel

Angesichts steigender Infektionen herrscht in vielen Bereichen des öffentlichen Dienstes bereits Personalmangel. Dies belastet die Postdienste, den öffentlichen Verkehr, den Flugverkehr und sogar die Rettungsdienste.

Berlin (09/08 – 20.00) Ambulanzfahrer Tobias Thiele arbeitet im westlichen Rhein-Main-Gebiet in der Nähe von Deutschlands größtem Flughafen Frankfurt. Er sagt, dass während seiner letzten Nachtschicht jeder zweite Anruf wegen eines COVID- Notfalls erfolgte. „Seit Monaten warnen wir vor dem Zusammenbruch der Rettungsdienste, jetzt ist er da“, sagt Thiele.

Deutschland ist stolz darauf, dass hier innerhalb kürzester Zeit Hilfe zur Stelle ist – ob bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Unfall oder Brand. Aber auch bei den Notaufnahmen und Rettungskräften steigen die COVID-Infektionszahlen.

Hinzu kommen ein hoher Krankenstand bei den Rettungskräften in Deutschland und die Ferienzeit, und der Landessektor steht nun vor einer ernsthaften Personalkrise. Bundesweit konnten „Krankenwagen wegen Personalmangels nicht jede Nacht besetzt werden“, sagt Rettungssanitäter Thiele.

Das liegt auch daran, dass ein Krankenwagen nach jedem Einsatz gereinigt und desinfiziert werden muss, was wertvolle Zeit und Arbeit kostet. Erst nach dieser intensiven Reinigung dürfen die Sanitäter wieder raus.

Nach fast zweieinhalb Jahren Kampf gegen die Pandemie sind die Rettungskräfte erschöpft.

Zuletzt hatte die Feuerwehr in Berlin davor gewarnt, dass wegen Personalmangels zeitweise kein einziger Krankenwagen zur Verfügung steht, weil immer mehr Rettungskräfte krank werden. Die Berliner Feuerwehr spricht von rund 170 Tagen, an denen, wenn überhaupt, nur ein Rettungswagen für ganz Berlin zur Verfügung stand.

In dieser Woche läuten in Krankenhäusern die Alarmglocken. Die steigende Zahl der COVID-Infektionen führe bundesweit zu Personalengpässen bei Krankenhäusern und Medizinern, sagte Gerald Gaß, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), dem Mediennetzwerk RND .

Alle Bevölkerungsschichten in Deutschland spüren die Auswirkungen der steigenden Zahl von COVID-Infektionen. Sie verschärfen den Arbeitskräftemangel in der Bau- und Gastgewerbebranche. Und sorgen in der Sommerferienzeit für Chaos an Deutschlands Flughäfen .

Schon wieder COVID-Beschränkungen?

Eine “Kaskade von COVID-bezogenen Ereignissen” prognostizierte der Pandemiemodellierer und Komplexitätsforscher Dirk Brockmann von der Berliner Humboldt-Universität im vergangenen Winter, als die erste Infektionswelle mit der Omicron-Variante begann.

Jetzt wurden die meisten COVID-Schutzmaßnahmen abgeschafft und Gesichtsmasken sind an öffentlichen Orten, abgesehen von öffentlichen Verkehrsmitteln, nicht mehr obligatorisch.

“Die Infektionszahlen explodieren”, sagte Brockmann der DW, obwohl viele von ihnen gar nicht mehr in den Statistiken auftauchen. „Die Dunkelziffer ist hoch“, sagt er, weil viele COVID-Betroffene sich nicht mehr die Mühe machen, einen PCR-Test machen zu lassen und einfach zu Hause bleiben, bis es ihnen besser geht. Deutschland fliegt also im Blindflug.

Diese Woche hat die Regierung auch die kostenlosen COVID-Schnelltests abgeschafft. Dies soll noch mehr Menschen davon abhalten, sich testen zu lassen.

Physik-Professor Brockmann sagt, aus seiner Sicht schwirre schon “viel Virus im Raum herum”. Die Infektionszahlen steigen also weiter und mit ihnen die COVID-Krankenhauseinweisungen.

Grundlage für neue restriktive Maßnahmen wäre ein neues Infektionsschutzgesetz. Aber die neoliberalen Freien Demokraten (FDP), das kleinste Mitglied der deutschen Koalitionsregierung, sind gegen Gesetze, die die persönlichen Freiheiten einschränken.

Wie wirksam sind COVID-Einschränkungen?

Letzte Woche gab eine mit Spannung erwartete Bewertung eines Expertengremiums – Wissenschaftler, die auf Medizin, Recht, Ethik, Wirtschaft und öffentliche Verwaltung spezialisiert sind – ihre Einschätzung der COVID-Beschränkungen ab, die in den letzten zweieinhalb Jahren verhängt worden waren.

Ihre Ergebnisse waren gemischt und gaben keinen eindeutigen Anhaltspunkt für das weitere Vorgehen: Sie bestätigten, dass medizinische Masken (FFP2/N95) bei richtiger Anwendung eine besonders wirksame Maßnahme sind, um die Ausbreitung von SARS-CoV-2 einzudämmen.

„Da die Übertragung des Coronavirus in Innenräumen ungleich stärker ist als im Freien, sollte eine Maskenpflicht auf Innenbereiche und Orte mit erhöhtem Infektionsrisiko beschränkt werden“, heißt es in dem Bericht des Gremiums. 

Die Kommission stellte fest, dass Lockdowns nur zu Beginn eines Ausbruchs sinnvoll sind. „Wenn nur wenige Menschen infiziert sind, wirken Lockdown-Maßnahmen viel stärker. Je länger ein Lockdown dauert, desto weniger Menschen sind bereit, Einschränkungen einzuhalten, und dies wird die Wirksamkeit verringern.“

Monatelang beschränkte Deutschland den Zugang zu Geschäften und Restaurants auf Personen, die vollständig geimpft waren oder sich kürzlich von einer COVID-Infektion erholt hatten. Diese sogenannten 2G/3G-Regeln waren laut Expertenkommission in den ersten Wochen nach Impfung bzw. Genesung wirksam. 

Schulschließungen waren in den vergangenen zwei Jahren eine besonders umstrittene Maßnahme. Dem Expertengremium lägen „trotz biologischer Plausibilität und zahlreicher Studien“ nicht genügend Daten vor, um eine abschließende Bewertung der Wirksamkeit zu ermöglichen. Das Gremium erwähnte die Notwendigkeit weiterer Studien zu den nachteiligen Auswirkungen von Schulschließungen und anderen Schließungen auf die psychische Gesundheit und schlug Maßnahmen vor, um die langfristigen negativen Auswirkungen abzumildern.

Die Experten forderten den Aufbau eines umfassenden öffentlichen Gesundheitssystems, die Bündelung von Daten und die Entwicklung einer Strategie für landesweite Schutzmaßnahmen, die in jeder Epidemiesituation anwendbar seien.

Der Bericht des Gremiums enthielt keine klaren Hinweise darauf, welche Beschränkungen verhängt werden sollten, um ein erneutes dramatisches Aufflammen der Pandemie im Herbst zu verhindern.

Die Regierung hat einen Entwurf des Gesundheitsministeriums für neue Regelungen genehmigt. Dies soll die Grundlage für weitere Impfungen, die Erhebung genauerer Daten und einen verstärkten Schutz von Risikogruppen in Pflegeeinrichtungen sein.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach hatte diese Aspekte bereits in einem Sieben-Punkte-Plan für den Herbst angekündigt. Allerdings enthält der Entwurf noch keine Regelungen zu möglichen weitergehenden Alltagsbeschränkungen im Infektionsschutzgesetz. Diese sind im weiteren parlamentarischen Verfahren zu berücksichtigen.

Viel Zeit für neue Gesetze bleibt nicht: Der Deutsche Bundestag tagt in dieser Woche zum letzten Mal vor seiner Sommerpause. Und wenn sie zurückkommen, werden im Herbst die Infektionen und Krankenhauseinweisungen wieder steigen , da sich in der kalten Jahreszeit wieder mehr Menschen in geschlossenen Räumen treffen.