Attentat und Terror in Moskau

Wer ist Ilja Ponomarjow, der angeblich hinter dem Anschlag gegen Darja Dugina steckt? Gehen die Terrorakte weiter? Oder war das ein Inside Job? Alle Fragen und Antworten.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag fiel im Großraum Moskau die russische Journalistin, Politologin und rechtsextremistische Aktivistin Darja Dugina, Tochter des neofaschistischen russischen Vordenkers der modernen eurasischen Bewegung Alexander Dugin, einer an ihrem Auto befestigten Bombe zum Opfer. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Alexander Dugin das eigentliche Ziel des Anschlages war.

Dugin als ein kleines, aber bedeutendes Rädchen im System

Alexander Dugin gilt nicht wenigen westlichen Beobachtern als Chefideologe des Kreml, eine wesentliche Triebfeder russischer Expansionspolitik und mitverantwortlich für den Ausbruch des Krieges im Donbas im Jahr 2014. Nichts davon dürfte auch nur annähernd der Wahrheit entsprechen. Ganz und gar unbedeutend ist Dugin dennoch nicht. Aufgrund der eigentümlichen Struktur des politischen Systems des modernen Russlands kommt Alexander Dugin die Rolle des Netzwerkers und Verbindungsgliedes zu europäischen rechtsextremen Parteien und Bewegungen zu.

Erstaunlicher Arbeitseifer russischer Behörden

Während Michailo Podoljak, Berater des Präsidialamtes der Ukraine, bei einem Fernsehauftritt jedwede Verantwortung der ukrainischen Führung für das Attentat unter Verweis darauf, dass die Ukraine im Gegensatz zu Russland kein krimineller und terroristischer Staat sei, scharf zurückwies, übernahm innerhalb weniger Stunden eine bisher unbekannte russische Gruppierung unter dem Namen Nationale Republikanische Armee (NRA) die Verantwortung für den Anschlag.

Völlig unerwartet präsentierte Russlands Inlandsgeheimdienst FSB bereits am Montagnachmittag die Ermittlungsergebnisse und beschuldigte wenig überraschend die Ukraine das Attentat organisiert zu haben. Als unmittelbare Attentäterin bezeichnete FSB Natalja Wowk – ein Mitglied des umstrittenen Regimentes Asow. Laut den Informationen russischer Behörden hielt sich Wowk gemeinsam mit ihrer Tochter seit Ende Juli zur Vorbereitung des Attentates in Russland auf. Nach dem Attentat floh Wowk nach Estland. Die Ermittlungsergebnisse übergab FSB zur weiteren Bearbeitung und Vorbereitung der Anklage an das Untersuchungskomitee. Die Tour de Force russischer Behörden lässt einen stauend zurück. Denn viel zu viele Fragen bleiben nach wie vor offen.

Das Manifest der Nationalen Republikanischen Armee (NRA)

Die einzige Person, die sich bislang öffentlich zu Verbindungen mit der Nationalen Republikanischen Armee (NRA) bekannt hat, ist Ilja Ponomarjow – eine schillernde Persönlichkeit, welche über viele Jahre überaus gute Beziehungen sowohl zur höchsten ukrainischen Führungsebene als auch zur Kremladministration und der ehemaligen Grauen Eminenz des Kreml Wladislaw Surkow unterhielt.

In seinem YouTube-Kanal verlas Ponomarjow das angebliche Manifest der Nationalen Republikanischen Armee (NRA). Angesichts inhaltlicher Brisanz soll nachfolgend das gesamte – durch mich übersetzte – Manifest dargelegt werden:

„Wir erklären Präsident Putin zum Usurpator und Kriegsverbrecher, welcher die Verfassung änderte, einen Bruderkrieg zwischen slawischen Völkern entfesselte und russische Soldaten in den sicheren und sinnlosen Tod schickte. Armut und Särge für die einen, Paläste für die anderen bildet die Essenz seiner Politik.

Wir glauben, dass entrechtete Menschen das Recht haben, sich gegen Tyrannen zu erheben. Putin wird von uns gestürzt und vernichtet werden!

Unser Ziel ist es, die Zerstörung Russlands und seiner Nachbarn zu stoppen, die Aktivitäten einer Bande von Kreml-Geschäftemachern zu stoppen, die den Reichtum unseres Volkes aufgesogen haben und heute innerhalb und außerhalb des Landes Verbrechen begehen. Wir appellieren an alle, die bereit sind zu kämpfen, unserem Beispiel zu folgen und dieses unmenschliche, heuchlerische und volksfeindliche Regime zu stürzen!

Wir halten es für inakzeptabel, dass die Russen in der ganzen Welt wegen der Kriegsverbrechen stigmatisiert werden, die von denen begangen wurden, die weder Nationalität noch Vaterland haben, sondern nur Geld und Macht lieben. Die Welt ist nicht der Feind Russlands, und Russland ist nicht der Feind der Menschheit, und wir werden es mit unseren Taten beweisen.

Wir werden jedem, der unserem Aufruf folgt, Schutz gewähren. Alle, die unser Programm bis hin zum Regimewechsel durchführen, werden von der Verantwortung befreit sein, die die Gesetze des Usurpators vorsehen.

Nach unserem Sieg werden wir sofort alle vom Putin-Regime rechtswidrig Verurteilten befreien. Wir werden allen in Russland lebenden Völkern die Freiheit geben und eine neue Gesellschaft aufbauen – eine Gesellschaft ohne Oligarchen, ohne Korruption, ohne Beamtenwillkür und ohne demütigende Armut. Eine Gesellschaft, in der jeder nach seiner Arbeit entlohnt wird. Eine Gesellschaft ohne Kriege und Gewalt.

Eine Gesellschaft, in der die Macht dem Volke gehört, in der die Bürger ihre eigenen Führungspersönlichkeiten wählen und das Leben in ihren Städten und Dörfern selbst gestalten. Eine Gesellschaft, in der die Regierenden nicht Menschenleben für ihre eigene Größe opfern, sondern sich auf Bildung, Medizin und wissenschaftlichen Fortschritt konzentrieren. Eine Gesellschaft, in der jeder stolz darauf sein wird, auf dem Territorium Russlands geboren zu sein und darin leben wird wollen!

Lang lebe das freie Russland! Wo immer Sie sind – kämpfen Sie wie wir, kämpfen Sie mit uns, kämpfen Sie besser als wir!

Reinigen Sie unsere Heimat vom Unrat! Der Sieg wird unser sein!“

Auch wenn die Wahl des Instrumentes des politischen Terrors als Mittel im Kampf gegen das Regime im Putin’schen Russland erstaunlich, ja befremdlich erscheinen mag, handelt es sich mit Blick auf die russische Geschichte keinesfalls um eine unikale Erscheinung. Beginnend mit dem Attentat Dmitri Karakozows gegen Alexander II am 4. April 1866 nahm die Epoche des revolutionären Terrors gegen Angehörige der politischen Eliten und hohe Beamte ihren Lauf, erlebte mehrere Höhepunkte und ging frühestens mit der tödlichen Verwundung des Premierministers Pjotr Stolypin in Kiew am 14. September 1911 zu Ende. Das Manifest der Nationalen Republikanischen Armee (NRA) lässt nur ansatzweise die Traditionslinie zur Narodowolzy-Bewegung sowie anderen sozialrevolutionären Gruppen im Russland des 19. und 20. Jahrhunderts erahnen. Freilich ist es bei Weitem noch zu früh, historische Parallelen zur Ära des Russischen Terrorismus zu ziehen.

„Oh Ghrá Mo Chroí, I long to see the boys of the old brigade“

Die Selbstbezeichnung der radikal-oppositionellen, paramilitärischen (?) Struktur als Nationale Republikanische Armee (NRA) lässt jedwede Rückschlüsse auf die zahlreichen, großen historischen Vorbilder in der russischen Geschichte vermissen. Dafür aber kann der Name der Organisation hervorragend ins Englische übertragen und durch internationale Medien nachvollziehbar verwerten werden.

Statt eine Hommage auf die der breiten Öffentlichkeit kaum bekannten sozialrevolutionären Bewegungen des Zarenreiches zu sein, weist der Begriff der Nationalen Republikanischen Armee (NRA) deutliche Verwandtschaft mit dem Begriff Irish Republican Army (IRA) auf. Letzteres ist nur zu offensichtlich nicht den nicht-existenten historischen Parallelen geschuldet, sondern wohl der flüchtig-populärkulturellen Wiedergeburt der irischen Freiheitsbewegung in der britischen Erfolgsserie „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“. Freilich ist die Populärkultur als Geburtswiege und Namensgeberin einer sozialrevolutionären Bewegung aus historischer Sicht weder originell noch sonderlich verurteilenswert.

Wer ist Herr Ilja Ponomarjow?

Ilja Ponomarjow ist ein russischer IT-Unternehmer, Vizepräsident des Erdölkonzerns Yukos von Michail Chodorkowski, ehemaliger Parlamentsabgeordneter und Mitglied des Vorstandes der Partei „Gerechtes Russland“. Ponomarjows Expertise im IT-Bereich und sein großes internationales Netzwerk führten unter der Präsidentschaft Dmitri Medwedews zu einer starken Involvierung in mehrere Regierungsprojekte zur Unterstützung von Innovationen und Hochtechnologietransfer.

So war Ponomarjow einer der Ideengeber für die russische Innovationsstadt Skolkowo, dem US-Vorbild des Silicon Valley nachempfundenes Forschungs- und Industriegebiet, sowie Berater des Präsidenten der Skolkowo Stiftung des Großunternehmers Wiktor Wekselberg. Nachdem Ponomarjow im März 2014 als einziger Abgeordneter der russischen Staatsduma gegen die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim stimmte, folgte ein Parteiausschlussverfahren, Entzug der parlamentarischen Immunität aufgrund angeblicher Unterschlagungsvorwürfe und schließlich 2016 der erzwungene Umzug in die Ukraine.

Seit 2017 steht Ponomarjow unter Personenschutz des Inlandsgeheimdienstes der Ukraine SBU, 2019 bekam er die ukrainische Staatsbürgerschaft durch den damaligen Präsidenten der Ukraine Petro Poroschenko verliehen. Nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 meldete sich Ilja Ponomarjow freiwillig zu den Streitkräften der Ukraine. Gegenüber der Deutschen Welle betonte Ponomarjow nicht gegen Russland, sondern gegen Putin, Putinismus und russischen Faschismus kämpfen zu wollen.

„Operation Trust“ reloaded?

Freilich könnte es sich beim Attentatsversuch auf Alexander Dugin um eine Inszenierung des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB handeln. Das Attentat würde einerseits einen willkommenen Vorwand für eine Verschärfung repressiver innenpolitischer Maßnahmen liefern und andererseits eine wichtige Signalwirkung gegenüber der Führungsebene der rechtsextremen russischen Kreise entfalten. Die Botschaft könnte einfacher kaum sein: Die zunehmend lauter werdende Kritik an den aktuellen Misserfolgen Russlands in der Ukraine ist umgehend zu mäßigen.

Gerade die Vertrautheit Ilja Ponomarjows mit den Aktivitäten der sogenannten Nationalen Republikanischen Armee (NRA) sät die größten Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit dieser Struktur und lässt jedenfalls die nebulösen Umrisse des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB im Dunstkreis dieser Bewegung erahnen. Aufgrund der Involvierung Ilja Ponomarjows bezeichnen einige Beobachter die Nationale Republikanische Armee (NRA) als eine sogenannte False-Flag-Operation des Kreml und ziehen bereits Parallelen zur „Operation Trust“, der erfolgreichsten sowjetischen Geheimdienstunternehmung der 1920er Jahre.

Im Zuge der „Operation Trust“ gründete die bolschewistische Geheimpolizei WeTscheKa (Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage) „Monarchistische Union von Zentralrussland“, eine vermeintliche antibolschewistische Widerstandsorganisation, welche dem jungen sowjetischen Staat sehr erfolgreich dabei half, Monarchisten und Gegner des bolschewistischen Regimes zu identifizieren.

Weitere Radikalisierung rechtsnationaler Kreise wahrscheinlich

Sollte allerdings die russische Führung für den Anschlag nicht verantwortlich sein, gibt es aktuell ungeachtet zahlreicher offener Fragen durchaus denkwürdige Gründe, den Attentatsversuch auf Alexander Dugin durch die Nationale Republikanische Armee (NRA) als eine ernstzunehmende – wenn auch nicht unmittelbare – Bedrohung für den Kreml und das Machtsystem Putin wahrzunehmen.

Die Hauptbedrohung besteht weniger in den potentiellen Aktivitäten der Nationalen Republikanischen Armee (NRA), sondern vielmehr in der drohenden Entfremdung einer zum gegenwärtigen Zeitpunkt für die Stabilität des Regimes bedeutenden gesellschaftlichen Gruppe. Denn dieses Attentat wird die Unzufriedenheit nationalistischer und rechtskonservativer Kreise mit der Arbeit russischer Behörden und der zögerlichen Politik der russischen Führung massiv und nachhaltig steigern und zu einer weiteren Radikalisierung beitragen.

Einer Radikalisierung, welche sich bei Zeiten auch gegen den Kreml selbst wenden kann. Eine Antwort darauf könnte der Wunsch des Kreml sein, die Ermittlungen schnellstmöglich abzuschließen, um jedweden Spekulationen vorzubeugen. Die schnelle Veröffentlichung der Ermittlungsergebnisse inklusive des Namens sowie des Aufenthaltsortes der mutmaßlichen Attentäterin bestätigen diesen Wunsch.

Source :